Ich pumpe Milch ab. Im Wohnzimmer ist es ruhig.

Es regnet. Gewittert hat es in der Nacht. Nun regnet es. Ich stehe auf. Gehe ins Wohnzimmer. Josef wird wach. Herzfrequenz: 149. Sauerstoffsättigung: 96. Die Schwester inhaliert Josef. Ich streichele seinen Kopf. Mein Bär. Mein kleiner Bär. Einatmen und Ausatmen.

Ich gehe in die Küche. Stelle die leeren Milchflaschen in den Geschirrspüler und die vollen in den Kühlschrank. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Klara kommt in die Küche. Cornflakes.

Ich höre Uli mit der Schwester reden. Gehe zu ihnen. Ich nehme Josef in den Arm. Die Schwester sagt, Josef hatte einen Krampfanfall. Sie hat es schon in das Protokoll geschrieben. Er hatte einen Sauerstoffsättigungsabfall von 96 auf 90. Uli fragt noch einmal nach. Was genau passiert ist heute Nacht. Sie sagt, sie hat ihn umgelagert. Von links nach rechts. Dann der Sättigungsabfall. Josef hat sich gekrümmt.

Uli fragt, warum hast du nicht abgesaugt? Da war kein Sekret, sagt sie. Er hatte es doch im Rachen, sagt Uli. Ich habe es doch dann beim Absaugen gemerkt. Nein, sagt die Schwester. Es war ein Krampfanfall. Auch wenn es ein Krampfanfall war, du musst die Atemwege freihalten, sagt Uli. Er muss doch Luft bekommen, der Josef.

Die Schwester sagt nichts. Spült die Inhalette aus. Ich halte Josef. Halte ihn. Halte ihn. Bin ganz aufgewühlt. Die Schwester verabschiedet sich. Sagt noch, Temperatur war jetzt bei 37,6. Danke, sage ich. Schlaf gut, sage ich auch. Einatmen und Ausatmen. Klara geht los. Los zur Schule. Uli winkt ihr. Bis er sie nicht mehr sieht.

Heute meldet sich Uli krank. Keine Energie für die Arbeit. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Damit die Nasensonde nicht rausrutscht. Ich begrenze ihn mit meinen Händen.

Um 9.00 Uhr klingelt es. Unsere Haushaltshilfe. Heute dringt ihre Leichtigkeit nicht zu uns durch. Heute sind wir verschlossen. In uns gekehrt. Sie merkt es uns an. Ist heute leiser. Mit uns. Hätte Uli Josef nicht abgesaugt, wäre er erstickt. Erstickt. Erstickt. Erstickt. Er war so blau. Verkrampft und blau. Mein Josef. Wir müssen besser aufpassen. Auf dich.

Wie soll das gehen, mein Josef? Mir laufen Tränen. Ich halte Josef. Ganz dicht an meinem Körper. Spüre seine Atmung. Seine Wärme. Küsse ihn. Einatmen und Ausatmen.

9.50 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir erzählen von der Nacht. Sie ist ganz konzentriert. Bei uns. Als spüre sie, dass wir keine Energie haben für andere Dinge.

Um 10.20 Uhr klingelt das Telefon. Die Ärztin vom SAPV-Team. Wir besprechen die Nacht. Das Krampfmedikament wird nun höher dosiert. Angepasst an Josefs aktuelles Gewicht.

Wir stellen Fragen. Was in solchen Situationen tun? Besprechen einen Notfallplan. Beim nächsten Hausbesuch der Ärztin soll er festgeschrieben werden. Verbindlich für alle Pflegekräfte. Nächste Woche kommt sie. Die Ärztin. Danke, sage ich. Danke, für die Hilfe heute Nacht.

Josef ist wach. Wirkt als wäre nichts geschehen. Heute Nacht. Er ist entspannt. Ganz entspannt.

Um 13.00 Uhr klingelt es. Die Logopädin. Sie ist ganz vorsichtig mit Josef. Findet ihn ganz aufmerksam heute. Dann geht sie. Josef ist eingeschlafen. Liegt in seinem Bett. Schläft. Ganz ruhig.

Uli und ich lassen die Schwester mit Josef allein. Gehen los. Eine große Runde. Holen dann Klara ab. Versuchen zu begreifen im Laufen. Schritt für Schritt. Was war das heute Nacht? War es richtig keinen Notarzt zu holen? Ja. Eindeutig ja. Was hätte er denn tun sollen? Der Notarzt.

Klara kommt uns im Hort gleich entgegen. Sie springt und hüpft. Die Familienbegleitung kommt doch heute. Zu Hause. Es gibt Apfelschorle mit einen Strohhalm.

Um 15.00 Uhr klingelt es. Die Familienbegleitung. Sie verschwinden in Klaras Zimmer. Tauschen sich ihre Geheimnisse aus. Josef, mein Josef ist entspannt. Als wäre nichts geschehen.

Um 15.30 Uhr klingelt es. Die liebe Physiotherapeutin. Ich ziehe Josef langsam aus. Mit ihren Händen begrüßt sie Josef. Spricht mit ihm. Dreht und wendet ihn. Sie bringt heute Ruhe mit. Ich merke, wie ich ruhiger werde. Müde auch. Dann geht sie. Josef schläft ein. Die Schwester geht. Auch die Familienbegleitung.

Zu mir dringt heute nur so wenig. Wie durch Watte. Zusammen essen wir. Irgendetwas essen wir. Wohl. Schauen Kinderfernsehen. Uli bringt Klara ins Bett. Zu uns ins Bett. Liest ihr vor. Macht ihr ein Hörspiel an. Ich halte Josef in meinem Arm. Er schläft ein. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz: 126. Sauerstoffsättigung 95.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir erzählen. Von der Nacht. Sagen: Absaugen. Vor dem Umlagern bitte absaugen. Ja, sagt sie. Wir gehen ins Bett. Mir ist es ganz dumpf, sage ich zu Uli. Ja, sagt er. Ich weiß.

Ich schlafe unruhig. Um 3.00 Uhr pumpe ich Milch ab. Gehe ins Wohnzimmer. Josef schläft. Herzfrequenz: 124. Sauerstoffsättigung: 95. Temperatur: 37,1. Ich gehe in die Küche. Stelle die Milch in den Kühlschrank. Gehe ins Bett. Schlafe. Unruhig.