530 | Vor dem Weckerklingeln bin ich wach.

, Zu Hause 2

Vor dem Weckerklingeln bin ich wach. Kopfgedankenkreise. War es richtig? Gestern? Zur Krankenkasse zu gehen? Eine Beschwerde zu schreiben? Kürzen sie uns jetzt alles? Stehen wir dann ohne alles da? Einatmen und Ausatmen.

Was soll denn passieren, denke ich? Was soll uns denn schon noch passieren? Uns passiert doch schon alles. Einatmen und Ausatmen.

Ich stehe auf. Die Tür klappert. Ich warte. Gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Gehe auf den Balkon. Kinder werden von ihren Eltern gebracht. Verschwinden in der Schule. Einatmen und Ausatmen.

Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Ich küsse sie auf ihren Kopf. Wir gehen in die Wohnküche. Klara setzt sich auf ihren Stuhl. Uli kommt. Er sieht müde aus. Ich gehe in Josefs Zimmer.

Mein Josef. Er ist wach. Liegt im Arm der Schwester. Es ist schön, Josef so bekuschelt zu wissen. Seine Atmung brodelt. Rauscht. Zieht. Seine Atmung hat sich verändert.

Früher, denke ich. Früher war sie kräftiger. Seine Atmung. Sie lässt nach. Die Kraft. Ich nehme Josef. Küsse ihn. Frage nach der Nacht.

Die Schwester sagt, die Nacht war besser. Josef schlief fast durch. Keine Sauerstoffsättigungsabfälle. Kein Fieber. Keine sichtbaren Krämpfe. Keine sichtbaren Krämpfe, denke ich. Unsichtbar. Sind sie unsichtbar geworden? Die Krämpfe?

Ich schicke den Gedanken weg. Was ändert es schon? Ob sichtbar oder unsichtbar. Ich kann nicht viel daran ändern. Oder doch. Ach, denke ich. Ach. Zerfasere mich in meinen Gedanken. Sie schwirren von einem Thema zum anderen.

Ich fühle mich haltlos. Gerade. Die Schwester räumt. Spült. Wechselt aus. Zieht auf. Schlaf gut. Danke. Klara geht los. Los in die Schule. Ich winke ihr nach. Bis ich sie nicht mehr sehe.

Josef in meinem Arm. Ich küsse ihn. Er sieht müde aus. Seine Augen sind halboffen. Oder halbzu. Ach. Ach. Denke ich. Ach. Ach. Ich inhaliere Josef. Sauge ihn ab. Lege mir Josef über meine Knie. Helfe ihm beim Atmen.

Es klingelt. Die Schwester. Ich kenne sie kaum. Sie kommt als Vertretung. Einatmen und Ausatmen. Ich erzähle. Von Josef. Spule den Text ab. Schon so oft erzählt. Fast verselbständigt sich der Text. Hat nichts mehr zu tun. Mit Josef. Hier in meinem Arm. Einatmen und Ausatmen.

Ich gebe ihr Josef. Zeige ihr, wie sie ihn halten kann. Schon wieder neue Hände, mein Bär. Schon wieder. Es schmerzt mich. Und doch. Brauchen wir sie. Die Schwestern und Pfleger. Ihre Hände.

Ich nehme Josef wieder. Ziehe ihn vorsichtig um. Zeige die PEG. Reizlos. Gebe ihr Josef. Sie inhaliert ihn. Ich sauge ab. Josef, mein Josef. Ich küsse ihn. Streichele seinen schönen Kopf. Gebe ihm seinen Morgenbrei. Tee. Medikamente.

Dann muss ich los. Los zur Agentur für Arbeit. Meine Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Kraft. Als hätte ich dafür Kraft. Ein Leben mit Josef ist nicht vorgesehen. In unserer Gesellschaft. Ich muss mich anpassen. Einfügen. In das System. Du kannst kein richtiges Leben im falschen führen, geht es mir durch den Kopf. Einatmen und Ausatmen.

Uli ist da, sage ich der Schwester. Er schaut nach euch. Gut, sagt die Schwester. Gut.

Ich fahre los. Durch die ganze Stadt. Die Sonne scheint. Ein schöner Maitag. Ich komme an. Zeige meinen Ausweis. Sage, ich stelle mich wieder zur Verfügung. Nehmen sie Platz, sagt die Frau. Ich bleibe stehen. Komme mir fremd vor.

Werde aufgerufen. Sage, ich stelle mich zur Verfügung. Es läuft gut mit dem Pflegedienst. Ich kann arbeiten. Ob der Mitarbeiter mir ansieht, dass ich lüge? Ich lüge. Will nicht lügen.

Wir brauchen das Arbeitslosengeld. Für die Miete. Für das Leben. Er sagt, gut. Dann melde ich sie wieder an. Gut, sage ich. Gut. Einen Termin bekomme ich zugeschickt. Für den Besuch beim Arbeitsvermittler. Gut, sage ich. Gut.

Ich schreie. Innerlich. Es ist falsch. Ganz falsch. Das hier. Ich fahre zurück. Die Sonne scheint. Maisonne. Morgen ist Himmelfahrt. Himmelfahrt.

Zu Hause. Josef. Mein Josef. Schläft. Die Logopädin war da, sagt die Schwester. Josef hat gut mitgemacht. Schön, sage ich. Schön. Hole Klara ab. Vom Keramik. Verabschiede die Schwester. Sage ihr, sie hat es gut gemacht. Bedanke mich. Für die Vertretung.

Josef wird wach. Ich inhaliere. Sauge ab. Küsse Josef. Küsse und küsse ihn. Bin bei ihm. Ganz dicht bei ihm. Spüre seine Atmung. Sein kleines Herz schlagen. Sein kleines Josefherz.

Uli macht Feierabend. Wir gehen spazieren. Eine Gartenrunde. Mit Josef und Klara.

Zu Hause. Abendbrot. Kinderfernsehen. Josef liegt auf mir. Schläft. Atmet rauschend. Wir atmen zusammen. Wir sind zusammengeschmolzen. In diesem Moment. Die Sonne scheint orange in unser Wohnzimmer.

Uli bringt Klara in unser Bett. Liest ihr vor. Macht das Hörspiel an.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 110. Sauerstoffsättigung 96. Wir gehen ins Bett. Schlaf. Irgendwann.

Veröffentlicht am: 13.05.2019


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