411 | Der Wecker klingelt um 6.00 Uhr.

, Zu Hause 1

Der Wecker klingelt um 6.00 Uhr. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Einatmen und Ausatmen. Aus dem Wohnzimmer höre ich die Inhalette. Alles nach Plan, denke ich. Alles nach Plan.

Ich wasche mich. Gehe ins Wohnzimmer. Die Schwester steht am Bett von Josef. Er schläft. Herzfrequenz 111. Sauerstoffsättigung 93. Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Klara kommt. Wir kuscheln. Lange. Ich küsse sie auf ihren Kopf. Sie setzt sich. Isst ihre Cornflakes. Uli kommt.

Ich gehe ins Wohnzimmer. Frage die Schwester nach der Nacht. Zwischen 3.00 Uhr und 4.00 Uhr war Josef wach. Sonst schlief er gut durch. Die Vitalwerte waren im Normbereich. Heute Morgen, sagt sie, hatte er wieder Sauerstoffsättigungsabfälle. Umlagern und Inhalieren haben kaum etwas gebracht. Einatmen und Ausatmen. Okay, sage ich. Okay. Die Schwester spült die Inhalette aus. Verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Josef wird wach. Ich nehme ihn aus seinem Bett. Küsse ihn. Er kommt wir weit weg vor. Als wäre er nicht wirklich hier. Josef, mein Josef. Wo bist du nur?

Klara geht los. Los in die Schule. Uli winkt ihr nach. Bis er sie nicht mehr sieht. Ich inhaliere Josef. sauge ihn ab. Küsse ihn. Er ist angespannt. Mein Josef. Ich ziehe ihn vorsichtig um. Gebe ihm seinen Morgenbrei.

Uli und ich reden. Über den Pflegedienst. Ein Neuanfang. Mal wieder neu anfangen. Etwas anders machen. Es fühlt sich gut an. Dann wieder nicht. Mir war es komisch, sage ich. Das Verhandeln der Dienstzeiten. Wir brauchen doch am Nachmittag jemanden. Vor allen Dingen da. Wenn Klara von der Schule kommt, braucht sie doch meine Aufmerksamkeit. Oder?

Aber wenn die Pflegedienstleitung sagt, sie hat sonst keine Schwester oder keinen Pfleger. Was sollen wir denn machen? Nichts können wir machen. Oder? Vielleicht wird es gut, sagt Uli. Vielleicht stabilisiert sich Josef. Ich werde still. Wir werden still. Vielleicht, sage ich. Mir laufen Tränen. Vielleicht. Wird es einfacher.

Und spüre Josef in meinem Arm. In seiner Anstrengung. In seiner inneren Abwesenheit. Ich küsse Josef.

Um 10.00 Uhr klingelt es. Die Schwester. Es klingelt noch einmal. Noch eine Schwester. Sie wird eingearbeitet. Zwei Tage. Soll dann Nachtdienste machen. Sie ist freundlich. Die zweite Schwester. Erfahren, sagt sie. Ich gebe ihr Josef.

Dann fahren Uli und ich los. In die Stadt. Den Mietvertrag abgeben. Wir kommen gut durch. Sind im Hausverwalterbüro. Besprechen alles. Ein neuer Fußboden soll in die Wohnung. Vereinbaren ein Termin für die Übergabe.

Mein Telefon klingelt. Die Schwester. Sagt. Josef krampft seit 20 Minuten. Er dreht den Kopf nach rechts oben. Die Augen gehen auch nach rechts. Er stöhnt. Ich sage, gebe ihm das Notfallmedikament. Wir kommen. Ja, sagt sie. Beeilt euch. Einatmen und Ausatmen.

Wir verabschieden uns vom Hausverwalter. Haben die Mietverträge in der Tasche. Sollten glücklich sein. Sind voller Sorge. Wir kommen gut durch.

Zu Hause. Josef schläft. Vom Medikament. Die Schwester erzählt noch einmal. Okay, sage ich. Habe das Gefühl, sie beruhigen zu müssen. Sage, wir sind jetzt da. Einatmen und Ausatmen.

Uli geht los. Zum Hort. Klara abholen. Ich bleibe zu Hause. Möchte die Schwestern nicht allein lassen. Josef wird wach. Die Schwester inhaliert ihn. Saugt ihn ab. Ich nehme ihn. Josef, mein Josef. er wirkt angespannt und weit weg. Wo bist du nur, mein Josef?

Klara und Uli kommen. Kakao. Kaffee. Kekse. Auch für die Schwestern. Dann dreht Josef wieder den Kopf nach rechts oben. Die Augen auch. Sein Körper streckt sich. Ich nehme ihn. Lege ihn auf meine Knie. Sammele seine Arme und Beine ein. Lege sie auf seinen Bauch. Drehe seinen Kopf vorsichtig in die Mitte. Er dreht ihn immer wieder nach rechts oben. Seine Augen gehen mit.

Ich drücke den Punkt zwischen seinen Augen, seiner Nase und seinem Mund. Es hört nicht auf. Das Krampfen. Ich kann ihn nicht zurückholen, meinen Josef. Uli holt das Notfallmedikament. Gibt es ihm. Dann sackt Josef zusammen. In sich. Ich halte ihn. Küsse ihn. Er schläft. Die Schwestern. Erzählen. Noch. Verabschieden sich.

Uli bereitet das Abendbrot vor. Mir laufen Tränen. Wir essen zusammen. Brot. Ich gebe Josef seinen Brei. Er schläft. Wir schauen zusammen Kinderfernsehen.

Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Ich ziehe Josef um. Inhaliere den schlafenden Josef. Sauge ihn ab. Lege ihn in sein Bett. Er wird wach. Ich halte ihn. In meinem Arm.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Josef schläft ein. Gegen 23.00 Uhr. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 114. Sauerstoffsättigung 94. Wir gehen ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 14. 01. 2019

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