623 | Um 6.20 Uhr bin ich wach.

, Zu Hause 2

Um 6.20 Uhr bin ich wach. Schalte den Wecker aus. Die Katze liegt auf Ulis Sachen. Wie genügsam sie ist. Wir nehmen sie kaum wahr. Lassen sie nur wenig in unser Herz. Kein Platz. Gerade. Die Tür klappert. Ich warte.

Stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Gehe auf den Balkon. Heute wird es schön. Die Sonne scheint. Kinder werden in den Hort gebracht. Die Eltern eilen davon.

Manchmal beneide ich sie. Um ihr Davoneilen. Ihr normales Leben. Aber. Was weiß ich schon von ihnen? Von ihrem Leben. Nichts weiß ich. Nichts.

Ich gehe in Josefs Zimmer. Er ist wach. Liegt im Arm der Schwester. Als wäre dieser Arm nur für ihn da. Josef wird inhaliert. Die Schwester lächelt. Sagt, es war eine ruhige Nacht. Keine Atemaussetzer. Kein Fieber. Josef hat den Tee und die Medikamente gut vertragen. Das Sekret ist zäh und weißlich. Gut, sage ich. Gut.

Ich nehme Josef. Küsse ihn. Guten Morgen mein Bär. Halte ihn in meinem Arm. Josef atmet. Die Schwester räumt. Spült. Wechselt aus. Zieht die Medikamente auf. Uli kommt. Die Schwester erzählt Uli noch einmal von der Nacht. Sie verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Küsse seine Hände. Füße. Arme. Beine. Bauch. Brust. Stirn. Nase. Mund. Und den kleinen geheimen Leberfleck. Uli deckt den Frühstückstisch.

Wir setzen uns in die Wohnküche. Frühstücken. Ich gebe Josef seinen Morgenbrei. Tee. Medikamente. Die Tagdienstschwester kommt heute Nachmittag. Bleibt bis zum Nachtdienst.

Uli und ich treffen heute eine Freundin. Wagen es. Wagen uns in die Welt dort draußen. Wenn Josef so bleibt, wie jetzt. Sich keine schwere Krise anschleicht. Dann wagen wir es für drei Stunden. Dann wagen wir es.

Nach dem Frühstück gehen wir spazieren. Durch die Gartenanlage. Heide. Den Park. Meine Augen sind immer auf Josef gerichtet. Josef bekommt Medikamente. Tee. Mittagsbrei. Zu Hause. Josef schläft ein. Ich lege ihn in sein Bett. Schalte den Monitor an. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 94.

Ich sitze bei Josef. Sein Fenster ist weit offen. Seine Tür auch. Dann lege ich mich zu ihm. In sein Bett. Kuschele mich an ihn. Tränen laufen mir über das Gesicht. Ich fühle mich ganz verbunden mit meinem Josef. Meinem Kind. Und fühle, diese Verbundenheit wird Josef nicht hier in dieser Welt halten. Es ist eine andere Verbundenheit, die ich ganz stark fühle.

Uli sitzt in der Wohnküche. Am Rechner. Dann telefoniert er. Mit einem Fahrradmonteur. Uli hat einen Traum. Einen Wunsch. Er möchte gern mit Josef Fahrrad fahren. Mit einem Lastenrad. Wie kann das gehen? Der Fahrradmonteur und Uli verabreden sich. Für nächste Woche.

Josef wird wach. Ich stehe auf. Schalte den Monitor aus. Nehme Josef aus seinem Bett. Inhaliere ihn. Sauge Josef ab. Küsse ihn. Mein Herz ist schwer.

Es klingelt. Die Schwester. Ich freue mich. Wir erzählen. Ein wenig. Sie besucht gerade einen Kurs. Einen Palliativkurs. Sie fragt, ob sie über Josef schreiben darf. Ja, sage ich. Ja. Sie sagt, ihr macht es gut. Ich bin bei euch. Ich weiß, es stimmt. Weiß sie sagt es nicht nur, sondern meint es auch.

Uli und ich. Wir ziehen uns um. Verkleiden uns für die Welt dort draußen. Ich lege Schmuck an. Schminke mir die Lippen rot. Halte Josef zum Abschied. Keine Küsse. In drei Stunden sind wir wieder da. Genießt es, sagt die Schwester. Danke, sage ich. Danke.

Dann fahren wir los. Klara ruft auf meinem Handy an. Es geht ihr gut, sagt sie. Vermisst uns nur sehr. Nur noch morgen, sage ich. Nur noch morgen. Ich umarme sie durch das Telefon. Dann sind wir in dem verabredeten Lokal. Viele Menschen sind unterwegs. Genießen den Sommerabend.

Unsere Freundin ist da. Wir umarmen uns. Essen etwas. Erzählen. Mein Telefon liegt immer vor mir. Ich schaue unentwegt. Es klingelt nicht. Keine Nachricht. Dann laufen wir ein wenig. Durch die Straßen. Ich fühle mich fremd zwischen den Leuten. Als hat diese Welt nichts mehr mit mir zu tun. Einatmen und Ausatmen.

Gegen 22.00 Uhr fahren wir nach Hause. Zu Hause. Die Nachtdienstschwester ist da. Josef schläft. Herzfrequenz 110. Sauerstoffsättigung 95. Wir erzählen ein wenig mit ihr. Dann gehen wir ins Bett. Schlaf. Irgendwann. Schlaf.

Veröffentlicht am: 14. 08. 2019


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