624 | Um 7.00 Uhr klingelt der Wecker.

, Zu Hause 2

Um 7.00 Uhr klingelt der Wecker. Ich schalte ihn aus. Bin ganz benommen. Stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Gehe auf den Balkon. Es ist ruhig.

Heute ist Samstag. Keine Kinder. Kein Hort. Die Sonne scheint. Es wird schön heute. Hoffe ich. Heute fühle ich mich innerlich nicht so festgezurrt. Habe das Gefühl, leichter atmen zu können. Hoffe. Da ist sie wieder. Die Hoffnung. Hoffe auf eine ruhige Zeit. Auf etwas mehr ruhige Zeit. Noch. Ein klein wenig. Ich fange an zu betteln. Innerlich. Einatmen und Ausatmen.

Ich gehe in Josefs Zimmer. Er ist wach. Liegt im Arm der Schwester. Wie schön sich das anfühlen muss. In ihrem Arm zu liegen, denke ich. Josef wird inhaliert. Ich streichele seine schönen Locken. Frage nach der Nacht.

Josef schlief ruhig durch. Keine Atemaussetzer. Vitalwerte waren im Normbereich. Kein Fieber. Das Sekret ist sehr zäh. Wird aber langsam flüssiger. Gut, sage ich. Gut. Ich nehme Josef. Küsse ihn. Halte ihn in meinem Arm. Ach, Josef. Mein Josef.

Die Schwester räumt. Spült. Wechselt die Spritzen aus. Zieht die Medikamente auf. Uli kommt. Sie erzählt noch einmal. Von der Nacht. Die Schwester verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Uli öffnet das Fenster. Lässt den Sommer in Josefs Zimmer. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Küsse ihn. Seine Füße. Seine Hände. Seine Brust. Seinen Bauch. Seine Stirn. Wange. Augenbrauen. Die meinen so ähnlich sind. Seine Ohren. Den Leberfleck. Ich bin ganz bei ihm. Mir laufen Tränen.

Würde ihm. Ach. Wenn ich könnte, würde ich. Ich kann aber nicht. Kann nicht mein Leben eintauschen. Kann es nicht. Annehmen. Aushalten. Halten. Tragen. Einatmen und Ausatmen. Ach, Josef. Mein Josef.

Uli deckt den Frühstückstisch. Josef in meinem Arm. Ich gebe ihm seinen Morgenbrei. Tee. Medikamente. Er schläft ein. In meinem Arm. Ich halte ihn. Küsse ihn. Immer wieder. Lege ihn dann auf das Lagerungskissen. Ich fange an, die Wohnung zu schmücken. Für Klara.

Hänge ein Girlande auf. Puste Luftballons auf. Dekoriere ihr Zimmer. Die Katze springt durch die Wohnung. Zwischen unseren Beinen. Macht sich bemerkbar. Mir ist es zu viel. Josef wird wieder wach. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich gebe ihm seinen Mittagsbrei. Tee. Medikamente.

Dann gehen wir los. Spazieren. Wir fahren mit der Straßenbahn. Aus der Stadt hinaus. Haben alles mit. Alle Notfallmedikamente. Tee. Absaugkatheter. Die aufgeladene Absauge. Spritzen. Liebe.

Wir laufen im Naturschutzgebiet. Laufen und laufen. Josef. Meine Augen sind immer bei ihm. Die Menschen, denen wir begegnen, nehmen wir kaum wahr. Wir laufen. Mit unserem Josef. Wagen andere Wege. Was haben wir zu verlieren? Nichts. Wir werden nur reicher an Erinnerungen mit Josef.

Josef. Seine Atmung setzt wieder häufiger aus. Auch länger. Ich gebe ihm sein Medikament. Er fällt in sich zusammen. Schläft ein. Wir fahren nach Hause. Mit der Straßenbahn. Die anderen Menschen nehmen wir kaum wahr.

Zu Hause. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich lege Josef über meine Knie. Damit das Sekret besser fließen kann. Seine Atmung setzt aus. Immer wieder. Lange. Bis zu 50 Sekunden. Mit einem lauten Stöhnen setzt sie wieder ein. Es schmerzt. Schmerzt. Schnürt mich zu.

Uli gibt Josef das Medikament und ein Schmerzmedikament. Josef fällt in sich zusammen. Ich halte ihn. Die Hoffnung nimmt Abstand. Schwindet. Zieht sich zurück. Dreht sich weg. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 93. Uli und ich wir stehen bei Josef. Meine Hand auf seinem Kopf. Ich küsse ihn. Immer wieder.

Das Telefon klingelt. Klara. Sie sagt, sie freut sich auf uns. Morgen ist sie wieder da. Und ob wir ihr Crepes machen können. Morgen. Zum Abendbrot. Ja, sage ich. Ja. Wir freuen uns. Ich umarme sie durch das Telefon. Gebe ihr Uli. Sie lachen miteinander. Dann legt er auf. Josef schläft. Uli und ich. Wir sind still. Schmerzhaft still. Jeder für sich.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir erzählen vom Tag. Besprechen die Nacht. Den Plan für die Nacht. Uli und ich gehen auf den Balkon. Setzen uns auf die Hollywoodschaukel. Sie quietscht. Irgendwann gehen wir ins Bett. Schlaf. Schlaf?

Veröffentlicht am: 15. 08. 2019


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