Ich bin wach. Es ist 6.00 Uhr.

Ich pumpe Milch ab. Stehe auf. Die Sonne scheint. Nun scheint sie wieder, denke ich. Ich gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe ins Wohnzimmer. Josef ist wach. Liegt im Arm der Schwester. Die Schwester inhaliert Josef. Ich frage nach der Nacht. Sie sagt, bis 5.00 Uhr schlief Josef ruhig. Den Sauerstoff konnte sie senken.

Nach dem Aufwachen hatte Josef wieder eine ganz erschwerte Atmung. Sie hat ihn nun zweimal mit Salbutamol inhaliert. Es geht nun besser. Mit der Atmung. Herzfrequenz: 140. Sauerstoffsättigung: 95. Sauerstoffgabe: 0,5 Liter. Temperatur: 37,2. Okay, sage ich.

Ich gehe in die Küche. Stelle die leeren Milchflaschen in den Geschirrspüler und die vollen in den Kühlschrank. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Ich höre Uli mit der Schwester sprechen. Gut, denke ich. Dann muss ich ihm nicht noch einmal alles erklären. Ich gehe wieder ins Wohnzimmer. Zu ihnen.

Dann sagt die Schwester, sie hat noch einmal auf Wikipedia geschaut. Wegen dem Krampfanfall von Josef. In der Nacht am Mittwoch. So wie es dort beschrieben ist, war es eindeutig ein Fieberkrampf. Josef hatte am Mittwoch einen Fieberkrampf.

Uli sagt, trotzdem hättest du ihn absaugen müssen. Die Atemwege freihalten. Sie sagt, da war aber kein Sekret. Die ganze Nacht nicht. Das Sekret kam erst beim Krampf. Trotzdem, sagt Uli. Trotzdem.

Die Schwester. Ganz bestimmend sagt sie, das war ein Fieberkrampf. Von unten steigt in mir die Wut. Einatmen und Ausatmen. Ich sage ganz freundlich. Es geht hier um Josef. Das Leben unseres Josefs. Bitte sauge Josef immer nachts ab, bevor du ihn umlagerst. Wenn ihr das so wollt, sagt sie.

Ich nehme Josef. Er ist ganz schlapp. Erschöpft. Lege ihn mir über die Knie. Setze ihm die Sauerstoffbrille auf. Die Schwester spült die Inhalette aus. Verabschiedet sich. Schlaf gut, sage ich. Schlaf gut. Dann ist sie weg.

Klara ist wach. Kommt zu uns. Spürt die angespannte Stimmung. Fragt, ob sie fernsehen darf. Ja, meine Klara, ja. Uli, Josef und ich sitzen zusammen. Der Kaffee ist kalt geworden. Uli macht neuen. Wir reden dann. Leise. Es nutzt nichts. Wir müssen klar bleiben. Für uns und Josef. Dürfen uns nicht immer nur anpassen. Freundlich sein. Müssen es aushalten. Die Konflikte aushalten. Für uns und für Josef. Du kannst kein richtiges Leben im falschen führen, sagt Uli.

Uli bereitet das Frühstück vor. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Damit die Nasensonde nicht rausrutscht. Wir frühstücken zusammen in der Küche. Josef auf meinen Knien. Mit der Sauerstoffbrille. Ich gebe ihm langsam seine Morgenmilch. Ganz langsam und behutsam lasse ich die Milch durch den Nasenschlauch fließen.

Um 12.00 Uhr klingelt es. Die Schwester. Sie sagt nicht viel. Ganz ruhig. Ruhig ist sie. Josef schläft. Meinen Josef habe ich in sein Bett gelegt. Uli, Klara und ich gehen noch einmal los. Eine Feldrunde. Laufen. Begreifen. Atmen. In Bewegung kommen. Klara fährt mit dem Fahrrad. Immer vor und zurück. Immer vor und zurück.

Uli ist wütend. Auf die Schwester. Auf Wikipedia. Auf die Macht der Pflegekräfte. Auf die Kämpfe um die Deutungshoheit. Dabei geht es doch um das Leben von Josef. Wollen wir nicht alle das beste Leben für Josef? Die Schwester fühlte sich angegriffen in ihrer Rolle als Krankenschwester. Wollte sich behaupten. Sage ich.

Keine Kraft für solche Kämpfe. Keine Kraft dazu. Müssen sie aber führen. Weil es unser Leben ist. Unser Leben mit Josef. Einatmen und Ausatmen.

Zu Hause. Josef ist wach. Die Schwester inhaliert ihn gerade. Als sie fertig ist, nehme ich ihn. Meinen Josef. Küsse ihn. Ich entdecke roten Stellen an seinem Kinn. Frage die Schwester, was das ist. Sie sagt, sie weiß es nicht. Vielleicht hat er falsch gelegen. Mh, sage ich. Der Nachmittag verfliegt. Am Abend baden wir Josef. Josef zusammen mit seiner Schwester. Die Schwester haben wir nach Hause geschickt. Haben uns bedankt, dass sie eingesprungen ist. Ein Glück war das. Ein Glück.

Zusammen essen wir Abendbrot. Brot gibt es. Nur Brot mit Käse und Wurst. Zusammen schauen wir Kinderfernsehen. Uli nimmt Josef. Legt ihn auf seinen Bauch. Josef entspannt sich. Bauch an Bauch. Vater und Sohn. Wie schön. Noch so ein kleines Glück heute. Ich bringe Klara ins Bett. Lese ihr vor. Mache ihr das Hörspiel an.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Uli legt Josef in sein Bett. Herzfrequenz: 130. Sauerstoffsättigung: 99. Wir gehen ins Bett. Schlafen.

Um 3.00 Uhr pumpe ich Milch ab. Gehe ins Wohnzimmer. Josef ist wach. Unruhig und wach. Ich nehme ihn in meinen Arm. Küsse ihn. Er streckt sich. Atmet schwer. Ich vermute Bauchschmerzen. Gebe ihm ein Zäpfchen. Mache das Körnerschaf warm. Dann schläft er wieder ein. Ich gehe in die Küche. Stelle die Milch in den Kühlschrank. Gehe ins Bett. Schlafe. Unruhig.