382 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

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Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker. Ich stehe auf. Ich fühle mich erholter. Keine Tornados in meinem Kopf. Ich gehe ins Bad. Wasche mich. Aus dem Wohnzimmer höre ich die Inhalette. Alles nach Plan, denke ich. Alles nach Plan.

Ich gehe ins Wohnzimmer. Die Schwester steht an Josefs Bett. Sieht mich nicht. Herzfrequenz 133. Sauerstoffsättigung 94. Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Klara kommt in die Küche. Kuschelt sich an mich. Unsere heimliche Kuschelei am Morgen. Öffnet ihren Adventskalender. Gummibärchen.

Sie setzt sich auf ihren Stuhl. Isst ihre Cornflakes. Uli setzt sich zu ihr. Ich gehe ins Wohnzimmer. Josef wird wach. Ich nehme ihn aus seinem Bett. Er krampft leicht. Ich lege ihn auf meine Knie. Lege seine Arme und Beine auf seinen Bauch. Umfasse ihn mit meinen Armen. Wie eine Kugel.

Das Zucken hört auf. Ich küsse ihn. Streichele seine Locken und küsse ihn. Meinen Josef. Ich frage die Schwester nach der Nacht. Zwischen 2.00 und 4.00 war Josef wach. Er krampfte wenig. Unterschwellig. Okay, sage ich. An den Vitalwerten war nichts zu erkennen, sagt sie. Sie waren im Normbereich. Okay. Einatmen und Ausatmen.

Die Schwester spült die Inhalette aus. Verabschiedet sich. Wünscht uns einen schönen Tag. Ich wünsche ihr einen guten Schlaf. Danke. Sagen wir beide. Ich bleibe mit Josef sitzen. Halte ihn. Spüre seinen warmen Körper. Spüre ihn. Meinen Josef.

Klara geht los. Los zur Schule. Uli winkt ihr nach. Bis er sie nicht mehr sieht. Kommt zu uns. Wir sitzen zusammen. Lassen die Sonne aufgehen. Es ist diesig draußen. Trotzdem können wir sie sehen. Die Sonne. Ich ziehe Josef vorsichtig an. Gebe ihm seinen Morgenbrei. Er schläft wieder ein. Ich lege ihn in sein Bett. Uli setzt sich zu ihm.

Dann gehe ich los. Zutaten kaufen. Für unser Plätzchenbacken. Heute Nachmittag.

Zu Hause. Josef ist wieder wach. Uli inhaliert ihn. Saugt ihn ab. Sagt, er krampft wieder mehr. Unser Josef krampft wieder mehr. Okay, sage ich. Ich gebe Josef seinen Mittagsbrei. Halte ihn in meinem Arm.

Um 12.30 Uhr klingelt das Telefon. Der Sauerstoffmann. In einer halben Stunde ist er da.

Um 13.00 Uhr klingelt es. Der Sauerstoffmann. Wie er das nur immer macht? Der Sauerstoffmann. So pünktlich zu sein. Er hieft die Sauerstofftonne die Treppe hinunter. Im Hof zischt es. Dann hieft er die Tonne wieder hoch. Wir wünschen uns schöne Weihnachten. Sehen uns erst im neuen Jahr. Hoffentlich. Sehen wir uns wieder. Im neuen Jahr.

Um 14.00 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich gebe ihr Josef. Uli und ich gehen los. Los Klara vom Hort abholen. Wie wichtig es ist. Der gemeinsame Weg zum Hort. Nicht gestört zu sein. Laufen zu können. Kurz sprechen zu können. Wie wichtig er ist. Dieser Weg. Klara kommt gleich mit. Sie freut sich auf das Plätzchenbacken.

Zu Hause. Tee und Kaffee. Klara und ich bereiten die Teige zu. Mürbeteig. Vanillekipferl. Schokoplätzchen. Josef sitzt in seinem Therapiestuhl. Bei uns in der Küche. Königlich. Die Schwester liest im Wohnzimmer. Uli sitzt am Küchentisch. Es läuft Weihnachtsmusik. Wie in einer normalen Familie, denke ich. Es ist schön. Herzzerreißend schön.

Josef bekommt Teig in die Hand. Mehl. Ausstechformen. Zum Fühlen. Den Kopf hat er meist zur Seite gelegt. Auf seine linke Seite. Es duftet in der ganzen Wohnung nach Plätzchen. Welch ein süßer und tröstender Duft.

Um 18.00 Uhr verabschiedet sich die Schwester. Wir sind noch nicht fertig mit dem Backen. Uli gibt Josef seinen Abendbrei. Bereitet Brote zu. Wir essen sie nebenbei. Haben eh keinen Hunger. Wir sind so satt von den Teigen.

Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Zieht in für die Nacht um. Wir schauen Kinderfernsehen. Ich schiebe Bleche mit Plätzchen in den Ofen. Hole welche raus. Bin glücklich. Mit all meinen Fasern glücklich. Diesen Tag zu haben. Mit unseren Kindern. Ich bringe Klara ins Bett. Lese ihr vor. Mache ihr das Hörspiel an.

Josef ist eingeschlafen. Auf seinem Vater. Vater und Sohn. Bauch an Bauch. Wie schön. Uli legt Josef in sein Bett. Herzfrequenz 118. Sauerstoffsättigung 95.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir gehen glücklich ins Bett. Glücklich und zufrieden. Mehr von diesen Tagen, Uli. Ja, sagt Uli. Mehr davon. Von den duftenden Tagen. Wir schlafen ein.

Veröffentlicht am: 16. 12. 2018


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