383 | Vor dem Weckerklingeln bin ich wach.

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Vor dem Weckerklingeln bin ich wach. In der ganzen Wohnung duftet es nach Plätzchen. Sogar in unserem Schlafzimmer. Ich stehe auf. Es ist dunkel draußen. Kein Schnee. Noch kein Schnee. Ich gehe ins Bad. Höre aus dem Wohnzimmer die Inhalette. Alles nach Plan, denke ich. Alles nach Plan. Ich wasche mich.

Gehe ins Wohnzimmer. Josef schläft. Die Schwester steht mit dem Rücken zu mir an Josefs Bett. Herzfrequenz 138. Sauerstoffsättigung 93. Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Einatmen und Ausatmen.

Wie schön das war. Gestern. Denke ich. Wie schön. Einatmen und Ausatmen. Klara kommt. Wir umarmen uns. Heute ist es eine Umarmung. Nicht nur eine heimliche Kuschelei. Ich küsse ihren Kopf. Ihre Haare duften nach Plätzchen. Fast laufen mir Tränen. Fast.

Klara öffnet den Weihnachtskalender. Schokolade. Sie setzt sich auf ihren Stuhl. Isst ihre Cornflakes. Sie sieht glücklich aus. Gelöst und glücklich. Uli kommt. Setzt sich zu ihr.

Ich gehe ins Wohnzimmer. Josef schläft noch. Herzfrequenz 148. Sauerstoffsättigung 92. Das ist ungewöhnlich, denke ich. Ich frage die Schwester nach der Nacht. Sie sagt, ab 2.30 Uhr war Josef sehr unruhig. Er hat sehr gejammert und gestöhnt.

Um 3.30 Uhr hat sie ihm ein Schmerzmedikament gegeben. Danach schlief er ein. Der Josef. Jammerte und stöhnte trotz des Medikaments. Seine Herzfrequenz war ungewöhnlich hoch, sagt sie. Temperatur 36,6. Ihr Eindruck war, dass er unterschwellig krampfte. Ganz leicht mit dem Kopf nickte. Okay, sage ich. Einatmen und Ausatmen.

Ich küsse Josef. Sein Kopf ist ganz verschwitzt. Ich streichele seine verschwitzen Locken. Die Schwester spült die Inhalette aus. Verabschiedet sich. Schlaf gut, sage ich. Danke.

Klara geht los. Los in die Schule. Uli winkt ihr nach. Bis er sie nicht mehr sieht. Ich setze mich zu Josef. Schalte den Monitor aus. Ich bin hellwach. Angespannt und wach. Krämpfe, denke ich. Wieder Krämpfe. Ich wünschte. Ach. Wünsche.

Josef wird wach. Er öffnet seine Augen. Streckt sich nach hinten. Als hätte er Schmerzen. Ich nehme ihn aus seinem Bett. Küsse ihn. Halte ihn in meinen Armen. Uli bereitet die Inhalette vor. Ganz automatisch. Weil es dazu gehört, wenn Josef wach wird.

Uli nimmt Josef. Inhaliert ihn. Saugt ihn ab. Wir sind still. Ganz bei Josef. Ich nehme Josef. Halte ihn. Küsse ihn. Er nickt wieder mit seinem Kopf. Ich lege ihn auf meine Knie. Arme und Beine auf seinen Bauch. Wie eine Kugel liegt er auf meinen Beinen. Dann hört das Kopfnicken auf. Einatmen und Ausatmen.

Um 9.00 Uhr klingelt es. Die liebe Physiotherapeutin. Ich ziehe Josef vorsichtig aus. Ganz vorsichtig. Räume sein Bettzeug zur Seite. Sie begrüßt Josef. Mit Worten und ihren Händen. Das ist schön. Worte. Worte die unsere Stille durchbrechen. Josef ist wach. Er macht gut mit. Wir lachen. Das tut gut. Mir und uns. Tut es gut. Das Lachen.

Ich küsse Josef immer wieder. Du machst es so gut, mein Josef. Uli ist bei uns. Schaut die Medikamente durch. Die Katheter. Schläuche. Filter. Spritzen. Schreibt Listen für die Bestellungen. Ich ziehe Josef langsam an. Küsse ihn. Das Küssen nicht vergessen. Die liebe Physiotherapeutin verabschiedet sich. Ich bin ihr dankbar. Dankbar für ihre Worte. Für das Durchbrechen der Stille. Heute.

Um 10.00 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich gebe Josef seinen Morgenbrei. Dann schläft er ein. Ich lege ihn in sein Bett. Schlaf, mein Josef. Schlaf.

Uli und ich gehen los. Weihnachtsgeschenke kaufen. Für Klara. Für Josef. Weihnachtsgeschenke. Uli, hätten wir das gedacht? Das wir noch ein Weihnachten haben werden mit Josef? Vielleicht? Einatmen und Ausatmen.

Nach dem Einkauf holen wir Klara mit dem Auto vom Hort ab. Sie mag nicht mit dem Auto fahren. Ich laufe mit ihr. Uli fährt. Ich genieße ihr Hüpfen und Springen.

Zu Hause. Josef ist wach. Liegt im Arm der Schwester. Die Schwester wirkt angestrengt. Ich sorge mich mehr um die Schwester. Hoffe, Josef war entspannt. Ich frage nach Josef. Frage, wie es war. Sie sagt, er hat viel geschlafen. Unterschwellig gekrampft. Jetzt hat sie gerade einen daumendicken gelben Sekretpfropf abgesaugt. Gut, sage ich.

Sie ist ganz stolz darauf. Einatmen und Ausatmen. Ich nehme Josef. Küsse ihn. Frage, ob sie Feierabend machen möchte. Ja, sagt sie. Sehr gern. Sie verabschiedet sich.

Es gibt Kaffee und Kakao. Ich halte Josef in meinem Arm. Setze ihn in den Therapiestuhl. Wir genießen die Plätzchen. Zünden Kerzen an. Keine Weihnachtsmusik, sagt Uli. Wir lachen. Wissen doch, er mag sie nicht. Die Weihnachtsmusik. Der Nachmittag vergeht. Ganz versöhnlich.

Zum Abendessen gibt es Brot. Ich gebe Josef seinen Abendbrei. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Zusammen schauen wir Kinderfernsehen. Ich bringe Klara ins Bett. Lese ihr vor. Sie schläft gleich ein. Ich mache ihr trotzdem noch das Hörspiel an. Josef ist eingeschlafen. Uli legt ihn in sein Bett. Herzfrequenz 131. Sauerstoffsättigung 93.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir gehen ins Bett. Schlafen. Irgendwann.

Veröffentlicht am: 17.12.2018


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