533 | Der Wecker klingelt. Es ist 6.00 Uhr.

, Zu Hause 2

Der Wecker klingelt. Es ist 6.00 Uhr. Ich stehe auf. Die Tür klappert. Ich warte. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht.

Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Gehe auf den Balkon. Einatmen und Ausatmen.

Die Sonne schiebt sich hervor. Hinter dem Baum. Es duftet nach Erde. Gras. Es ist ruhig. Keine Kinder. Kein Fuchs. Heute nicht. Ich gehe in Josefs Zimmer. Josef, mein Josef. Er ist wach. Der Pfleger hält ihn im Arm. Sie sind vertraut miteinander. Kennen sich gut. Das ist schön.

Ich frage nach der Nacht. Josef schlief bis 5.00 Uhr durch. Ab und zu hatte Josef Sauerstoffsättigungsabfälle. Sekretbedingt, sagt er. Vitalwerte waren im Normbereich. Kein Fieber. Keine sichtbaren Krämpfe. Das Sekret ist klar. Gut, sage ich. Gut. Fühle mich sicher. Ich küsse Josef. Nehme ihn in den Arm.

Der Pfleger räumt. Spült aus. Wechselt. Zieht auf. Ich halte Josef. Spüre ihn. Er liegt entspannt in meinem Arm. Ganz ruhig. Ich frage Josef, darf ich? Darf ich zum Seminar? Josef, mein Josef.

Uli kommt. Fragt, musst du nicht los? Ja. Eigentlich. Soll ich? Uli schaut mich an. Sagt, fahr. Bitte. Einatmen und Ausatmen. Der Pfleger verabschiedet sich. Schlaft gut. Danke.

Uli nimmt Josef. Ich packe meine Unterlagen zusammen. Tee. Einen Apfel. Küsse Josef. Uli. Grüße an Klara. Dann eile ich. Durch den Morgen. Bus. U-Bahn. Zug. Es ist ruhig. Die letzten Geister der Nacht sitzen in den Ecken.

Ich komme an. Im Seminar. Bin ruhig heute. Kann mich noch nicht verorten. Keine Worte finden. Sind mir abhanden gekommen. Die Worte. Einfach so. Sind nicht da. Keine Gedanken. Keine greifbaren Gedanken. Sie ziehen an mir vorbei. Kann sie nicht greifen. Gerade. Einatmen und Ausatmen.

Ein Platz wurde mir frei gehalten. Wie schön. Ein Platz für mich. Hier. Hier gehöre ich auch hin. Ich sage es mir immer wieder. Innerlich. Auch das bin ich. Ich bin nicht nur Mutter. Nicht nur pflegende Mutter. Nicht nur Mutter eines gesunden Kindes. Nicht nur Mutter eines sterbenden Kindes. Nicht nur. Nicht nur.

Sondern auch. Sondern auch nebenberuflich und nebenmütterlich in Ausbildung. In Ausbildung zur Kinder-und Jugendlichenpsychotherapeutin. Auch das bin ich. Therapeutin. Einatmen und Ausatmen. Bin ich das? Mir wird ein Platz freigehalten. Ein Platz. Der sagt, auch das bist du, Anne. Auch das. Einatmen und Ausatmen.

Wir sind eine kleine Runde. Heute. An diesem Wochenende. Es geht um uns. Jeder kommt zu Wort. Ich komme an. Habe Raum hier. Platz und Raum. Kann Raum geben. Für die Anderen. Fühle mich sicher.

Zum zweiten Mal heute fühle ich mich sicher. Sicher in der Unsicherheit. Pause. Ich rufe an. Zu Hause. Uli sagt, alles gut. Sie spazieren gerade. Klara, Josef und er. Nachher kommt die Schwester. Gut, sage ich. Gut. Brauchst du mich, frage ich. Nein, sagt Uli. Ich brauche dich hier gerade nicht.

Gut, sage ich. Gut. Einatmen und Ausatmen. Mir laufen Tränen. Tränen ohne Grund. Grundlose Tränen. Und doch. Sie fließen. Diese Tränen. Weil ich sonst innerlich ertrinke.

Nach dem Seminar. Ich eile. Zum Bahnhof. Es ist voll. Überall. Ganz anders als heute morgen. Es strengt mich an, mich durch die Menschen zu schieben. Vorsichtig zu sein. Achtsam. Keinem auf die Füße zu treten. Fast unmöglich. Bei den Massen. Zug. U-Bahn. Bus.

Zu Hause. Josef liegt im Arm von Uli. Sie schauen fern. Ich umarme Klara. Uli. Nehme Josef. Küsse ihn. Frage, wie es war. Wie war euer Tag? Schön, sagt Klara. Möchte nicht gestört werden. Beim Fernsehen.

Ich ziehe mich um. Schlüpfe in meine Mutterrolle. Halte Josef. Er übergibt sich. Uli saugt Josef sofort ab. Ich inhaliere Josef. Hoffe, er hat nicht aspiriert. Sauge ab. Dann übergibt er sich wieder. Uli saugt ab.

Ich bin angespannt. Josef, mein Josef. Ich lege Josef über meine Knie. So kann er besser atmen. Das Erbrochene kann rauslaufen. Josef schläft ein. Auf meinen Knien. Ich küsse ihn. Immer wieder.

Uli bringt Klara in unser Bett. Liest ihr vor. Macht das Hörspiel an.

Es klingelt. Der Pfleger. Wir erzählen. Vom Tag. Lachen. Ein wenig. Ich lege Josef in sein Bett. Er erbricht. Der Pfleger saugt ihn ab. Bereitet die Inhalation vor. Inhaliert. Saugt ab.

Sie kennen sich. Kennen sich gut. Josef ist sicher. Wir sind sicher. Das weiß ich. Josef, mein Josef. Herzfrequenz 140. Sauerstoffsättigung 95. Wir gehen ins Bett. Schlafen. Unruhig.

Veröffentlicht am: 16.05.2019


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