Gegen 7.00 Uhr werde ich wach.

Eine Weile brauche ich, um mich zu orientieren. Ich liege in einem Hotelzimmerbett. Neben mir liegt Klara. Daneben Uli. Ich schaue aus dem großen Fenster. Es ist bedeckt. Die Stadt liegt vor mir. Einatmen und Ausatmen.

Ich brauche Zeit, um mich zu verorten. Wo bin ich? Was mache ich hier? Völlig losgelöst vom Alltag. Am liebsten würde ich im Kinderhospiz anrufen. Bremse mich. Weiß ja, jetzt um 7.00 Uhr ist Übergabe. Nachher werde ich anrufen. Gegen 9.30 Uhr. Dann sind sie beim Frühstück im Gemeinschaftsraum.

Ich setze mich hin. Schaue aus dem Fenster. Ich sitze nur da. Schaue aus dem Fenster. Spüre die Anspannung. Immer noch. Ich höre das gleichmäßige Atmen von Uli und Klara. Mehr nicht. Es ist ruhig. Ungewöhnlich ruhig. Ich gehe ins Bad. Dusche mich. Niemand außer Uli und Klara hören mich duschen. Ich dusche lange. Ganz heiß und dann kalt.

Es ist 7.30 Uhr. Am liebsten würde ich im Kinderhospiz anrufen. Halte noch an mich. Uli und Klara sind wach. Sie schauen fern. Ich setze mich zu ihnen ans Bett.

Um 8.00 Uhr rufe ich dann doch an. Im Kinderhospiz. Ich werde durchgestellt. Die Mama von Josef hier, sage ich. Ich möchte fragen. Wie war die Nacht? Wie geht es Josef? Die Schwester sagt, Josef hat durchgeschlafen. Es geht ihm gut. Jetzt wird er gebadet. Schön, sage ich. Im Hintergrund höre ich ihn, meinen Josef. Ich rufe heute Abend wieder an, sage ich. Ja, sagt die Schwester. Macht euch schöne Tage. Josef hat es gut hier, sagt sie auch. Ich weiß, sage ich. Ich weiß. Und danke. Mir laufen Tränen.

Die Anspannung. Lässt etwas nach. Lässt mich etwas los. Ich habe das Gefühl mich bewegen zu können. Etwas mehr bewegen. Nicht nur abwarten. Sondern auch bewegen. Wir frühstücken. Lange. Mein Gefühl für die Zeit hat sich verändert, merke ich. Ich schaue immer und immer auf die Uhr. Denke, jetzt wird Josef inhaliert. Jetzt bekommt er seinen Morgenbrei. Jetzt bekommt er dieses Medikament. Jetzt das andere Medikament. Jetzt. Jetzt. Jetzt.

Jede Stunde ist getaktet. Die Uhr nie aus dem Blick verlieren. Alles wurde festgelegt. Von den Ärzten und uns. Josef kann es ja nicht. Kann ja nicht zeigen, dass er Hunger hat. Durst hat. Kann es ja nicht. Kann sich nicht umdrehen. Sich nicht bewegen. Kann nicht den Schleim abhusten. Kann ihn nicht schlucken. Unser Josef. Kann nicht blinzeln, wenn die Sonne ihn blendet. Das alles übernehmen die Schwestern und wir für ihn. Das alles.

Atmen kannst du, mein Josef. Atmen. Du musst nichts, mein Josef. Nur das Atmen. Das musst du. Atmen ist Leben, mein Josef. Atmen ist Leben. Klara zieht an meinem Arm. Ich soll mit ihr kleine Pfannkuchen am Buffet backen.

Dann tauchen wir in die Stadt ein. Es regnet zwischendurch. Wir besuchen Kaffees. Trinken Kakao mit Sahne. Saugen die Eindrücke auf. Auch für Josef. Josef ist mit dabei. Innerlich. Josef auch für dich sind wir hier. Wir werden dir berichten. Von dieser schönen Stadt.

Am späten Nachmittag rufe ich im Kinderhospiz an. Die Mama von Josef, sage ich. Ich werde weitergereicht. Ich frage, wie geht es Josef? Sehr gut, geht es ihm. Wir sind im Garten, sagt die Schwester. Wir kuscheln. Ich höre Josef im Hintergrund. Als möchte er uns grüßen. Ich sage, macht es euch schön. Ja, sagt die Schwester. Ihr euch auch. Danke, sage ich. Danke.

Im Hotelzimmer sitzen wir lange am Fenster. Schauen auf die Stadt. Sagen nicht viel. Klara hört Hörspiel. Schaut sich ein Buch an. Dabei. Uli liest ihr vor. Sie kuschelt sich an mich. Meine Klara.

Wann lagen wir das letzte Mal so beisammen, denke ich. Wann das wohl war? Klara schläft ein. Ich spüre ihren Atem. Gleichmäßig und ruhig atmet sie. Josef atmet viel angestrengter und kraftvoller, denke ich. Unser Josef. Braucht so viel Kraft für das Atmen. Mir laufen leise Tränen. Ich küsse Klaras Kopf. Stehe auf. Setze mich an das Fenster.

Es ist 21.00 Uhr. In einer halben Stunde kommt die Schwester, schießt es mir durch den Kopf. In einer halben Stunde würde die Schwester kommen. Zu Hause. Wir sind nicht zu Hause, denke ich. Wir sind nicht zu Hause. Irgendwann schlafe ich ein. Uli schaut fern.