505 | Der Wecker klingelt um 7.00 Uhr.

, Zu Hause 2

Der Wecker klingelt um 7.00 Uhr. Samstag. Fast zwei Wochen ohne Krise, denke ich. Vielleicht. Vielleicht. Vielleicht. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee.

Auf dem Schulhof ist es ruhig. Den Fuchs habe ich schon lange nicht gesehen. Ich hoffe, es ist ihm nichts passiert. Ich gehe in Josefs Zimmer. Er ist wach.

Guten Morgen, sage ich. Nehme ihn in meinen Arm. Küsse ihn. Das Sekret läuft aus seiner Nase und seinem Mund. Es ist zäh. Ich setze mich. Lege Josef auf meine Knie. Inhaliere ihn. Sauge Josef vorsichtig ab. Die Schwester spült aus. Wechselt aus. Zieht auf.

Ich frage nach der Nacht. Josef schlief durch, sagt sie. Alles im Normbereich. Keine Krämpfe. Kein Fieber. So kann es bleiben, sage ich. Ja, sagt sie. Manche Kinder stabilisieren sich. Ja, sage ich. Ja. Das wäre schön. Vielleicht. Vielleicht stabilisiert sich Josef. Einatmen und Ausatmen.

Die Schwester verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke. Uli kommt zu uns. Bringt den Kaffee. Wir sitzen in Josefs Zimmer. Josef auf meinen Knien. Meine Hände helfen Josef beim Atmen. Das Sekret fließt. Ist noch etwas zäh. Klara schaut fern. Uli deckt den Frühstückstisch. Backt Brötchen auf.

Ich ziehe Josef vorsichtig an. Ganz langsam und vorsichtig. Setze ihn in seinen Therapiestuhl. Fahre ihm zum Tisch. Klara setzt sich zu uns. Im Schlafanzug. Ich gebe Josef seinen Morgenbrei. Obst-Getreide. Über seinen Bauchschlauch. Tee. Medikamente. Es fühlt sich normal an.

Wenn es so bleibt, sage ich zu Uli. Wenn es so bleibt, wäre es wunderbar. Ich versuche alle anderen Gedanken wegzuschieben. Alle Gedanken, die sagen: Die nächste Krise kommt. Bestimmt. Josef wird sterben. Er ist schwer krank. Palliativ erkrankt. Wiege dich nicht in Sicherheit.

Sie umkreisen mich. Diese Gedanken. Einatmen und Ausatmen. Wegatmen. Diese Gedanken.

Nach dem Frühstück ziehen wir uns an. Uli packt die Sachen zusammen. Absauge. Katheter. Spritzen. Tee. Medikamente. Brei. Ich trage Josef die Treppe runter. Lege ihn in seinen Kinderwagen. Klara kommt mit ihrem Skatebord mit. Wir gehen in die Heide. Dort gibt es eine gute Strecke zum Skaten.

Josef schlummert ein. Das Sekret läuft aus seiner Nase. Ich wechsle die Tücher ständig aus. Freue mich darüber. Wenn das Sekret läuft, ist alles gut. Wir machen ein kleines Picknick. Ich nehme Josef aus seinem Wagen. Wir setzen uns. Ich halte ihn.

Es ist so schön. Wir sitzen in der Sonne. Trinken Tee. Essen Kekse. Ich gebe Josef seinen Brei. Tee. Medikamente. Die Sonne scheint in unser Gesicht. Wie eine normale Familie, denke ich. Eine normale Familie mit einem gesunden und einem schwer kranken Kind. Die vermeintliche Normalität fühlt sich gut an. Es fühlt sich leichter an. Leichter im Schweren.

Das geht nur wenn Josef stabil ist, denke ich. Es ist eine verdammte Ausnahme. Dennoch. Ich genieße. Wir genießen. Wir spazieren langsam nach Hause. Josef wird abgesaugt.

Zu Hause. Tee. Kaffee. Kuchen. Aufgetauter Kuchen. Immerhin. Ich lege mit Josef auf meine Knie. Das Sekret läuft. Seine Atmung rauscht.

Um 16.00 Uhr klingelt es. Ein Freund von uns. Wir essen den Kuchen. Mit Sahne. Trinken den Kaffee. Tee. Erzählen. Lachen. Hören zu. Geschichten aus einer anderen Welt. Der normalen Welt. Es ist trotzdem schön, daran teilhaben zu können.

Zusammen essen wir Abendbrot. Nudeln gibt es. Nudeln mit Pesto. Klara schaut heute allein fern. Im Schlafzimmer. Ich ziehe Josef um. Inhaliere ihn. Sauge ihn ab. Küsse ihn. Meinen Josef. Unser Besuch bleibt noch. Josef liegt auf mir. Schläft ein. Mit jedem Atemzug entspannt er sich.

Uli liest Klara vor. Macht ihr das Hörspiel an. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 110. Sauerstoffsättigung 98. Alles gut, denke ich. Alles gut.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir erzählen kurz.

Dann sitzen wir noch eine lange Weile mit unserem Besuch. Erzählen und lachen. Gegen Mitternacht verabschiedet sich unser Besuch. Josef schläft. Ich küsse ihn sanft. Herzfrequenz 112. Sauerstoffsättigung 97. Alles gut. Wir gehen ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 18. 04. 2019


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