506 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

, Zu Hause 2

Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker. Klara schläft noch. Sie liegt ganz eingekuschelt neben mir. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Einatmen und Ausatmen. Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee.

Die Tür von Josefs Zimmer geht auf. Die Schwester. Ich sage, guten Morgen. Und. Ich fahre heute zum Seminar. Okay, sagt die Schwester. Geht ins Bad. Die Tür von Josefs Zimmer steht auf. Er schläft. Mein Bär. Der Monitor blinkt. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 96.

Ich streichle seinen schönen Kopf. Küsse ihn. Ganz sanft. Sein Mund steht offen. Wie immer. Kann ihn nicht schließen. Seinen Mund. Seine Atmung rauscht. Ein wenig. Ich frage die Schwester nach der Nacht. Josef schlief durch, sagt sie. Vitalwerte sind im Normbereich. Kein Fieber. Keine Krämpfe. Gut, sage ich. Gut.

Ich küsse Josef. Ganz sanft. Bin unsicher. Soll ich? Soll ich nicht fahren? Wie wird es für mich sein? Ich weiß es nicht, wenn ich nicht fahre. Kann nicht vorfühlen, wie es sich anfühlt. Kann nicht wissen, wie es Josef gehen wird. Einatmen und Ausatmen.

Uli kommt. Steht bei uns. Sagt, musst du nicht los, Anne. Soll ich, frage ich? Ja, sagt Uli. Ja. Fahr bitte. Gut, sage ich. Gut. Ich packe meine Sachen ein. Die Unterlagen. Eine Thermoskanne. Tee. Einen Apfel.

Dann gehe ich los. Zur Straßenbahn. Es ist ruhig. Die Vögel zwitschern. Die Bahn ist pünktlich. Ich fahre durch die Stadt. Wenige Menschen sind unterwegs. Manche fahren zur Arbeit. Manche kommen nach Hause. Manche sind noch betrunken.

Ich mag diese Stimmung. Kann mich fallen lassen. Hier sein. Nicht in der Sorge um Josef. Bin dankbar, dass es Josef gut geht. Gut ging in den letzten Tagen. Ich mich erholen konnte von der Anspannung. Immer wieder Pausen machen. Hoffentlich hält die Pause von den Krisen lange, denke ich. Vielleicht haben wir jetzt eine Dauerpause. Das wäre doch schön.

Ich steige um. In den Zug. Treffe Kollegen. Wir erzählen. Plaudern. Belanglosigkeiten. Ich bin froh, dass sie normal mit mir sprechen. Mich nicht meiden. In ruhigen Momenten werde ich manchmal gefragt. Nach Josef. Dann erzähle ich. Auch. Hilfe wird angeboten. Ich weiß gar nicht, wie mir geholfen werden kann.

Aushalten, sage ich. Das genügt. Haltet mich hier aus. In dem Seminar. Seht mir nach, wenn ich abwesend wirke. Seht mir nach, wenn ich aufspringe und ans Telefon gehe. Seht mir nach, wenn ich plötzlich fahren muss. Seht mir nach. Haltet mich aus. Im Seminar. Ein Platz für mich wurde freigelassen. Das Thema: Angststörungen. Einatmen und Ausatmen.

Zum Mittag rufe ich zu Hause an. Eine Schwester ist da, sagt Uli. Das Sekret von Josef ist etwas zäh. Am Vormittag war er mit Josef spazieren. Ganz lang. Schön, sage ich. Schön. Was sich Uli traut? Ganz allein mit Josef. Wie schön. Soll ich kommen, frage ich. Nein, sagt Uli. Nein. Klara ist im Kinderhospiz bei den Geschwisterkindern. Schön, sage ich. Schön. Noch einmal.

Der Nachmittag zieht sich. Wie so oft sind die Sonntagnachmittage lang. Unendlich lang. Ziehen sich wie Kaugummis. Ich spüre meine Müdigkeit. Meinen Körper, der schmerzt. Der Nacken. Die Arme. Der Rücken. Die Beine. Von der Anspannung. Vom Halten. Vom Aushalten. Das Seminar ist zu Ende.

Ich eile durch die Stadt zum Bahnhof. Tauche ein in die Sonntagabendwelt. Es ist voll. Ich nehme die Menschen kaum wahr. Befinde mich wie in einem Tunnel. Fahre mit dem Zug. Dann mit der Straßenbahn.

Bin zu Hause. Nach einer gefühlten Ewigkeit. Josef, mein Josef. Klara, meine Klara. Uli, mein Uli. Ich bin wieder da. Ich küsse. Alle. Ziehe mich um. Josef sitzt im Therapiestuhl. Er sieht angespannt aus. Ich nehme ihn in meinen Arm.

Wir essen zusammen Abendbrot. Brot gibt es. Mit Käse. Klara ist still. Uli sagt, Josef hat am Nachmittag gehustet. Gewürgt und gehustet. Ein Infekt, sage ich. Geht es wieder los? Kein Fieber, sagt Uli. Wer weiß? Josef kann nicht husten und würgen. Und wenn er es mit einer Kraftanstrengung schafft, dann, denke ich. Dann. Einatmen und Ausatmen.

Uli nimmt Josef. Ich rufe beim SAPV-Team an. Berichte. Frage, ob wir Cortison geben dürfen. Falls es schlechter wird. Ja, sagt die Schwester. Da ist sie, die Angst. Die Erwartungsangst. Einatmen und Ausatmen.

Ich bringe Klara ins Bett. Lese ihr vor. Mache das Hörspiel an. Küsse sie. Josef schläft auf Uli. Vater und Sohn. Bauch an Bauch. Wie schön. Ich beruhige mich. Versuche es. Wir können es nicht verhindern. Können die Infekte nicht verhindern. Die Krisen nicht.

Aushalten. Das können wir. Müssen wir. Müssen. Müssen. Müssen. Ich will nicht mehr müssen. Und hab doch keine Wahl. Kann meinen Josef nicht retten. Nicht schützen. Vor den Krisen.

Uli legt Josef ins Bett. Herzfrequenz 140. Sauerstoffsättigung 92. Temperatur 37,2.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich sitze noch lange bei Josef und ihr. Bis die Herzfrequenz von Josef bei 130 ist. Gehe ins Bett. Schlafe unruhig.

Veröffentlicht am: 19.04.2019


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