399 | Um 6.30 Uhr bin ich wach.

, Kinderhospiz

Um 6.30 Uhr bin ich wach. Ich bleibe noch liegen. Draußen ist es dunkel. Klara schläft. Uli auch. Mir laufen Tränen. Leise. Heimliche Tränen. Einatmen und Ausatmen. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Mit kaltem Wasser. Ich strecke meine Glieder. Hebe meinen Kopf. Schaue mich an. Einatmen und Ausatmen.

Einatmen und Ausatmen. Ich lache mich an. Obwohl mir nicht danach ist. Es ist wichtig, denke ich. Das Leben anlachen. Nicht anweinen. Nicht nur anweinen, denke ich. Das Lachen nicht vergessen. Einatmen und Ausatmen.

Aus dem Zimmer höre ich den Fernseher. Klara und Uli sind wach. Ich kuschele mich zu Klara. Uli steht auf. Klara sagt, ich bin traurig. Ich möchte nicht nach Hause. Ich küsse sie. Sage, ich weiß, meine Klara. Ich weiß.

Uli und ich gehen los. Zu Josef. Zuerst in den Gemeinschaftsraum. Die Hauswirtschaftsfrau ist da. Sie begrüßt uns mit einem guten neuen Jahr. Umarmt uns.

Mit dem Kaffee gehen wir zu Josef. Er ist schon wach. Gebadet und wach sitzt er im Therapiestuhl. Das Sekret läuft aus seiner Nase. Alles gut, denke ich. Alles gut. Ich frage nach der Nacht. Josef schlief fast durch, sagt sie. Er hatte nochmal gekrampft. Ein Medikament bekommen. Nichts Besonderes, sagt sie. Gut, sage ich. Gut.

Wir schieben Josef im Therapiestuhl in den Gemeinschaftsraum. Trinken dort unseren Kaffee. Ich helfe, den Tisch zu decken. Dann werden die Gäste gebracht. Pfleger kommen. Schwester. Eltern. Geschwisterkinder. Heute ist es laut. Es wird viel gelacht. Monitore piepen. Absauge rauschen. Der Junge bleibt heute im Zimmer. Seine Mutter holt sich einen Kaffee. Sie sieht müde aus. Sehr müde. Ich traue mich nicht, sie anzusprechen.

Geht es den anderen Menschen mit mir auch so? Trauen sie sich gar nicht, mich anzusprechen? Wovor habe ich Angst? Wovor haben die anderen Menschen Angst? Davor, abgewiesen zu werden? Hilflos zu sein? Das Falsche zu sagen? Was ist falsch? Was ist richtig?

Ich lächele sie an. Komme mir komisch vor. Sie lächelt zurück. Ganz leicht. Lächelt sie. Dann frage ich, ob sie noch zum Frühstück kommen. Sie und ihr Sohn. Frage, wie es geht. Sie sagt, er schläft jetzt. In der Nacht war er wach. Es geht ihm nicht gut, sagt sie.

Die Hauswirtschaftsfrau holt einen Stuhl. Sagt zu ihr, so jetzt setze dich. Nun wird etwas gegessen. Sie setzt sich zu uns. Isst ein halbes Brötchen. Wir sprechen. Miteinander. Ohne Angst. Einatmen und Ausatmen.

Uli gibt Josef seinen Morgenbrei. Er schläft ein. In seinem Therapiestuhl. Ich nehme ihn vorsichtig aus seinem Stuhl. Setze mich mit ihm auf den Sessel ans Fenster. Klara ist mit den Geschwisterkindern schwimmen. Uli packt Josefs Sachen in seinem Zimmer. Josef liegt auf meinem Schoß. Atmet ganz gleichmäßig. Rauschend und gleichmäßig.

Am Nachmittag gehen wir spazieren. Mit Josef und Klara. Einen Neujahrspaziergang. Josef haben wir in den Kinderwagen gelegt. Warm eingekuschelt. Mit einer Wärmflasche an seinen Füßen. Damit er es kuschlig warm hat.

Im Kinderhospiz. Josef wird inhaliert. Abgesaugt. Wir setzen uns zusammen ins Spielzimmer. Josef wird kurz ins Bällebad gelegt. Es gefällt ihm nicht. Seine Augen sind weit aufgerissen. Ich nehme ihn wieder. Küsse ihn. Freue mich. Über seine Reaktion. Freue mich.

Zum Abendessen gehen wir in den Gemeinschaftsraum. Gäste werden gebracht. Auch der Junge kommt. Pfleger und Schwester. Eltern und Geschwisterkinder. Ich gebe Josef seinen Abendbrei. Die Kinder haben heute etwas für uns vorbereitet. Sie haben Karten für uns gebastelt. Auf denen steht, wir sollen um 20.00 Uhr im Jugendzimmer sein.

Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich ziehe ihn um. Heute hat er nicht gekrampft. Wie gut, denke ich. Wie gut. Ein guter Tag. Ich lege Josef auf meine Brust. Wir atmen zusammen. Einatmen und Ausatmen.

Er schläft ein. Wie schön das ist. Wenn er ganz entspannt ist. Überhaupt keine Spannung mehr in seinem Körper ist. Er gleichmäßig atmet. Dann ist es gut. Für Josef. Für uns. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 115. Sauerstoffsättigung 96. Wir geben der Schwester Bescheid.

Finden uns dann um 20.00 Uhr im Jugendzimmer ein. Die Kinder haben eine Theke aufgebaut. Dort gibt es selbstgemachte Limonade. Nüsse. Chips. Wir werden auf das Sofa platziert. Die anderen Eltern kommen auch. Dann wird ein Film vorgeführt. Die Schlümpfe. Ich bin gerührt. Genieße diesen letzten Abend im Kinderhospiz.

Wir gehen ins Bett. Irgendwann. Vorher schauen wir bei Josef vorbei. Er schläft. Herzfrequenz 123. Sauerstoffsättigung 93.

Veröffentlicht am: 02. 01. 2019


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