Es ist 6.30 Uhr. Ich bin wach.

Uli liegt neben mir. Klara ist nicht da. Ich stehe auf. Bin unruhig. Gehe ins Bad. Wasche mich. Uli wird wach. Steht auch auf.

Wir gehen in den Gemeinschaftsraum. Es ist noch keiner da. Der Kaffee wurde frisch vom Nachtdienst gekocht. Wir nehmen uns Kaffee. Setzen uns ans große Fenster. Schauen in den Garten. Es ist ganz ruhig. Dunkel. Herbst. Herbst schon, denke ich. Josef und der Herbst. Bald ist sein Geburtstag. Mein Novemberkind.

Ich habe Angst. Angst davor, dass mich die Gefühle von seiner Geburt überrollen. Im Hier und Jetzt bleiben, denke ich. Im Hier und Jetzt. Josef ist bei uns. So wie er ist. Das ist ein Geschenk. Dass er bei uns ist. So wie er ist. So wie jedes Kind ist, wie es ist. Einatmen und Ausatmen. Novemberkind. Novemberkind.

Wir gehen zu Josef. Er schläft noch. Herzfrequenz 117. Sauerstoffsättigung 94. Mir laufen Tränen. Weil sie laufen. Einatmen und Ausatmen.

Wir gehen in den zweiten Stock. Auf die Station. Fragen. Schlafen sie noch? Die Kinder im Snoezelraum. Ja, sagt der Pfleger. Sie schlafen noch. Die Nacht war ruhig. Wir lachen. Eine ruhige Nacht. Josef schlief fast durch, sagt der Pfleger. Um 4.00 Uhr war er wach. Hatte viel Sekret. Jetzt schläft er. Wieder.

Ihr werdet uns fehlen, sagt der Pfleger. Ihr uns auch, sage ich. Ihr uns auch.

Zusammen gehen wir zu Josef. Die Treppe runter. Links. Aus dem Gemeinschafstraum höre ich Musik. Jemand hat das Radio angemacht. Teller klappern. Es riecht nach Speck.

Josef ist wach. Ich nehme ihn aus seinem Bett. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Der Pfleger hat schon Wasser in die Wanne gelassen. Ich ziehe Josef vorsichtig aus. Uli lässt Josef ins Wasser gleiten. Josef genießt es. Ist entspannt.

Ich trockne Josef ab. Küsse ihn. Seine linke Seite ist heute nicht so fest. Ich öle ihn ein. Ziehe Josef an.

Wir gehen in den Gemeinschaftsraum. Klara und die Kinder sind schon dort. Im Schlafanzug sitzen sie am Frühstückstisch. Sie sehen sehr müde aus. Sie haben wohl nicht so viel geschlafen. Auf dem Wasserbett im Snoezelraum. Dennoch war es toll. Sie essen ihre Brötchen. Verschwinden dann. Jeder in sein Zimmer. Etwas Schlaf nachholen.

Die Gäste werden gebracht. Pfleger. Schwestern. Eltern. Monitore piepen. Absaugen rauschen. Spritzen an der Tischkante. Ich gebe Josef seinen Morgenbrei. Der Obstsalat ist köstlich.

Nach dem Frühstück inhaliert Uli Josef. Saugt ihn ab. Wir gehen spazieren. Die Absauge kommt in den Kinderwagenkorb. Ich ziehe Josef seinen blauen Anzug an. Lege ihn in den Kinderwagen. Eine große Runde wagen wir. Durch den Park.

Wir sehen aus wie ganz normale Eltern. Fallen gar nicht auf. Zwischen den anderen Eltern. Mit ihren Kinderwagen. Den Großeltern und Freunden. Heute fallen wir gar nicht auf. Solange wir die Absauge nicht anmachen, denke ich.

Es fühlt sich gut an. Nicht gleich aufzufallen. Scheinbar dazu zu gehören. Gehören wir dazu? Auch zu den anderen Eltern? Was sind wir für Eltern? Eltern von Klara und Josef. Warum sollen wir nicht dazu gehören? Zu den Eltern mit gesunden Kindern? Wie wir auch zu den Eltern gehören im Kinderhospiz? Mein Kopf ist ganz wirr.

Lauter Gedanken. Versponnen. Wie ein Wollknäuel. Ich merke nur. Es fühlt sich gerade gut an. Nicht aufzufallen. Nicht beäugt zu werden. Einfach spazieren zu gehen. An diesem Novembertag. Einatmen und Ausatmen.

Im Kinderhospiz. Klara schläft noch. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich gebe Josef seinen Mittagsbrei. Dann setzen wir uns in den Gemeinschaftsraum. Uli hält Josef im Arm. Gäste kommen. Pfleger und Schwestern. Es wird erzählt. Gelacht.

Ich wecke Klara. Wir kuscheln. Etwas. Sie weint. Möchte nicht nach Hause. Es ist so schön hier, sagt sie. Ich weiß, sage ich. Ich weiß. Wir kommen ja wieder. Wann, fragt Klara. Weihnachten? Vielleicht? Oh ja, sagt Klara.

Ich packe die Sachen. Schnell sind sie gepackt. Die Sachen. Klara kommt mit in den Gemeinschaftsraum. Die Geschwisterkinder sind auch da. Wir beschließen noch eine Nacht zu bleiben. Morgen früh erst zu fahren.

Zum Abendessen. Kommen die anderen Gäste. Pfleger. Schwestern. Eltern. Ich gebe Josef seinen Abendbrei. Tee. Medikamente. Die Stimmung ist gedrückt. Abschiedsstimmung. Die Kinder umarmen sich. Bis bald, sagen sie sich. Bis bald. Klara weint.

Wir gehen in Josefs Zimmer. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich lege mir Josef auf meine Brust. Wir schauen zusammen Kinderfernsehen. Josef, mein Josef ist eingeschlafen. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 112. Sauerstoffsättigung 96. Wir geben der Schwester Bescheid. Gehen ins Elternzimmer. Uli liest Klara vor. Macht das Hörspiel an. Wir kuscheln. Schlafen ein. Alle.