489 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

, Zu Hause 2

Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker. Ich habe geschlafen. Stehe auf. Die Tür klappert. Ich warte. Gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee.

Gehe in Josefs Zimmer. Josef liegt in seinem Bett. Er schläft. Oder nicht? Schläfst du, mein Bär? Herzfrequenz 140. Sauerstoffsättigung 95. Josef bekommt kein Sauerstoff mehr. Ich freue mich. Josef, mein Josef.

Die Schwester sagt, Josef schlief durch. Kein Fieber und keine Krämpfe. Die Atmung ist noch etwas bescheiden. Okay, sage ich. Okay. Aber deutlich besser als in der letzten Nacht. Einatmen und Ausatmen. Die Schwester spült. Wechselt aus. Zieht auf. Verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Hoffnung. Ich habe etwas Hoffnung. Dass du noch ein wenig bei uns bleibst, mein Josef. Noch ein kleines Wenig. Ich weiß, Josef. Ich weiß, mein Josef. Du lässt nicht mit dir handeln. Ich weiß.

Uli kommt zu uns. Hat sich auf Arbeit krank gemeldet. Ich streichele Josefs Kopf. Küsse ihn. Er ist verschwitzt. Ich liebe seinen Geruch. Möchte ihn einsaugen. Für immer in mir tragen. Seinen Körpergeruch. Langsam wird Josef wach. Ich schalte den Monitor aus. Nehme ihn aus seinem Bett. Küsse ihn.

Es klingelt. Die Schwester. Ich ziehe Josef vorsichtig aus. Wasche ihn. Ziehe ihm frische Sachen an. Seine Atmung zieht. Die Schwester inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Der Monitor ist wieder an. Herzfrequenz 140. Sauerstoffsättigung 95.

Ich gebe ihm ein Schmerzmedikament. Die Herzfrequenz sinkt. Die Schwester legt sich Josef auf Knie. Mit dem Kopf etwas nach unten. Hilft ihm atmen. Das Sekret läuft aus seiner Nase. Es ist etwas gelb. Nicht grün. Sehr zäh.

Um 11.00 Uhr klingelt es. Das SAPV-Team. Josef wird abgehört. Untersucht. Besser, sagt die Ärztin. Es geht ihm wohl besser. Ja, sage ich. Ja. Er bleibt wohl noch ein wenig. Ja, sagt die Ärztin. Scheinbar ja. Findet es so schön bei ihnen. Sie streichelt mir über den Rücken. Es ist mir angenehm. Es fühlt sich stärkend an. Stärkend und tröstend, ohne mich schwach zu fühlen.

Die Medikamente werden besprochen. Cortison. Weiterhin. Inhalation. Weiterhin. Keine Antibiose. Erst einmal. Sie verabschieden sich. Josef, mein Josef. Liegt auf den Knien der Schwester. Schlummert immer wieder ein.

Um 12.00 Uhr klingelt es. Die Logopädin. Ich freue mich sie zu sehen. Ich erzähle ihr von den Tagen. Sie sagt, dann mache ich heute Wellness mit Josef. Wir lachen. Sie massiert seine Füße. Seine Hände. Sie sind etwas verschwitzt. Sie verabschiedet sich.

Uli und ich lassen die Schwester mit Josef kurz allein. Gehen einkaufen. Das Telefon habe ich immer bei mir. Auf laut gestellt. Falls was ist.

Zu Hause. Josef liegt immer noch auf den Knien der Schwester. Herzfrequenz 128. Sauerstoffsättigung 92. Josef wird inhaliert. Abgesaugt. Umgelagert.

Ich rufe die Betreuerin von Klara an. Sie geht nicht ans Telefon. Ich bin unruhig. Unruhig und wütend. Ich rufe im Kinderhospiz an. Sage, ich erreiche die Betreuerin nicht. Es ist doch wichtig. Nach einer halben Stunde klingelt mein Telefon. Die Betreuerin. Ich frage nach Klara. Frage, wie es ihr geht.

Erzähle der Betreuerin von Josef. Erzähle, dass wir schon dachten, wir müssen Klara abholen. Weil Josef stirbt. Sie sollte doch dann zu Hause sein. Nicht das Gefühl haben, sie ist weg und ihr Bruder stirbt. Ich überschlage mich. Innerlich und äußerlich. Im Denken und Reden. Die Betreuerin entschuldigt sich. Sagt, hier ist schlechter Empfang. Schon gut, sage ich. Schon gut. Josef geht es besser. Klara ist ja Samstag wieder da.

Dann gibt sie mir Klara. Sie ist ganz leise. Sagt, ihr geht es gut. Ich wünsche dir eine gute Zeit meine Klara, sage ich. Ich freue mich auf dich am Samstag. Ich mich auch, sagt Klara. Ich mich auch. Wir legen auf. Mir laufen Tränen. Einatmen und Ausatmen.

Die Schwester hat Feierabend. Ich nehme Josef. lege ihn mir auf den Schoß. Inhaliere. Sauge ab. Tee. Medikamente. Josef hat es überstanden, sage ich zu Uli. Erst einmal. Überstanden. Wir haben es überstanden. Hoffe ich.

Wir essen Abendbrot. Josef liegt auf meinem Schoß. Ich spüre seinen Körper. Seine Wärme. Seine Schwere. Das Sekret läuft aus seiner Nase und seinem Mund. Ich freue mich darüber. Es ist gut, wenn es fließt. Sich nicht festsetzt in seiner Lunge. Josef, mein Josefbär.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 140. Sauerstoffsättigung 88. Die Schwester nimmt Josef aus dem Bett. Inhaliert. Saugt ab. Streicht mit ihren Fingern die Rippenbögen aus. Wir gehen ins Bett. Schlafen. Irgendwann.

Veröffentlicht am: 02.04.2019


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