519 | Es ist 6.40 Uhr. Ich bin wach.

, Zu Hause 2

Es ist 6.40 Uhr. Ich bin wach. Mein Herz schlägt schnell. Einatmen und Ausatmen. Uli schläft noch. Atmet gleichmäßig. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich.

Gehe im Schlafanzug in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Die Tür zu Josefs Zimmer steht offen. Klara schläft noch. Ich sehe sie kaum in Josefs Bett. Sie ist ganz eingekuschelt. Ich schließe die Tür. Ganz vorsichtig.

Ich öffne die Balkontür. Heute wird es schön. Ein schöner sonniger Tag. Ich setze mich auf die Schaukel. Sie quietscht. Ich trinke heißen Kaffee. Freue mich. Heute kommen Gäste. Heute können wir uns bedanken. Das fühlt sich gut an. Etwas zu geben. Nicht immer nur zu nehmen. Einatmen und Ausatmen.

Uli kommt. Setzt sich zu mir. Wir sind still. Der Fuchs. Da ist er. Guten Morgen, Fuchs. Dann reden wir. Was brauchen wir noch? Uli wird Getränke kaufen. Sonst. Nichts. Ein Caterer bringt das Essen. Teller. Gläser. Wir müssen nichts machen. Ab 10.00 Uhr können die Gäste kommen.

Klara kommt zu uns. Kuschelt sich zwischen uns. Sagt, sie möchte auch so ein Bett wie Josef hat. Es ist so gemütlich. Ich küsse sie. Auf ihren Kopf. Uli deckt den Frühstückstisch.

Ich rufe im Kinderhospiz an. Josef, sagt die Schwester. Hatte mehrere Sauerstoffsättigungsabfälle. Bekam dann Chloralhydrat. Danach war es besser. Kein Fieber. Krämpfe. Ja. Viel Sekret. Okay, sage ich. Okay. Mir laufen Tränen. Einatmen und Ausatmen.

Feiern, denke ich. Feiern. Ist das jetzt richtig? Was ist richtig? Einatmen und Ausatmen. Es klingelt. Ein Freund. Zusammen fahren sie Getränke kaufen.

Ich gehe mit Klara ins Kinderhospiz. Josef, mein Josef. Ist schon gebadet und sitzt im Therapiestuhl. Ich nehme Josef. Halte ihn. Küsse ihn. Lege ihn in meinen Arm. Spüre seinen Körper. Wo bist du mein Bär? Schwebst du? Davon?

Ich nehme ihn wieder in meinen Arm. Halte ihn. Als könnte ich Josef festhalten. Kann ich nicht. Kann ich nicht. Einatmen und Ausatmen. Klara ist bei den Geschwisterkindern. Sie sitzen im Gemeinschaftsraum.

Mit der Schwester bespreche ich. Am Nachmittag kommen sie mit Josef. Es ist besser. So. Josef wird nur kurz bei dem Fest dabei sein. Wir würden ihm sonst zu viel zumuten. Unserem Josef. Das spüre ich. Ganz deutlich.

Wie er sich verändert hat. Unser Josef. Sich ablöst. Von dieser Welt. Von der Welt. Nicht von uns. Oder doch? Mir laufen Tränen. Ich gebe Josef der Schwester.

Dann gehen Klara und ich in unsere Wohnung. Das Buffet wird aufgestellt. Es sieht schön aus. Stühle werden an die Seite gestellt. Es klingelt. Gäste kommen. Kommen und gehen. Alle Türen stehen offen. Es fühlt sich gut an. Alle zu bewirten. Zu umsorgen. Zu verwöhnen.

Gegen 13.30 Uhr kommt Josef. Mit einem Pfleger und zwei Schwestern. Josef sieht schick aus. Er hat ein Hemd an. Ich halte Josef. Gäste nehmen ihn in den Arm. Josef wandert. Dann zieht seine Atmung. Josef wird ganz blass.

Der Pfleger. Geht in das Kinderhospiz. Holt die Inhalette. Josef wird inhaliert. Abgesaugt. Ich küsse ihn. Es ist genug, mein Bär. Genug. Der Pfleger trägt Josef wieder ins Kinderhospiz. Ich winke ihnen. Bis ich sie nicht mehr sehe. Ich weine. Nach innen.

Gäste kommen. Gehen. Es ist schön. Kinder kommen. Spielen im Hof. Dann auf dem Spielplatz. Wir Erwachsenen erzählen. Lachen. Es ist ein rauschendes Fest. Ein Meeresfest. Es rauscht vorbei. Und. Josef. Josef, mein Josef. War kurz da. Länger schafft er es nicht mehr. Ganz deutlich zu spüren. Da ist seine Grenze.

Vor einem halben Jahr haben wir seinen Geburtstag gefeiert. Da ging es ihm besser. Deutlich besser. Er war die ganze Zeit dabei. Jetzt schafft er es nicht mehr. Jetzt nicht mehr. Werden wir noch verreisen können, denke ich. In seinem Zustand?

Oder schließt sich dieses Fenster? Ist es nur noch einen kleinen Spalt offen? Wird sein Zustand noch zerbrechlicher? Noch zerbrechlicher? Geht das noch? Zerbrechlicher zu sein. Als jetzt? Einatmen und Ausatmen.

Wir sitzen lange. Mit unserem Besuch. Weit nach Mitternacht. Erzählen. Lachen. Es ist schön. Und doch. Ein Schmerz. Dabei. Josef, mein Josef. War da. Zerbrechlich. Ganz zerbrechlich. Unser Josef. Hat sich gezeigt. Einatmen und Ausatmen.

Irgendwann gehen die letzten Gäste. Irgendwann ist das letzte Glas Wein getrunken. Irgendwann gehen wir ins Bett. Irgendwann schlafen wir. Irgendwann.

Veröffentlicht am: 02.05.2019


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