Ganz früh sind wir wach.

Du auch, Josef? Wir wecken Klara. Ich mache ihr Frühstück. Uns koche ich einen Kaffee. In die Schule bringen wir Klara. Abgeholt wird sie heute von der Mutter eines Schulfreundes. Dort schläft sie heute Nacht. Gemeinsam wollen sie ein Pfefferkuchenhaus bauen. Samstag werden wir Klara von dort abholen. Dann wird ihr Bruder Josef wahrscheinlich nicht mehr leben.
Ich habe keine Vorstellung von dem Danach. Klara, habe einen schönen Tag! Ja, wir grüßen deinen Josef und küssen ihn von dir. Die Fahrt ins Krankenhaus geht schnell. Wir sind gut durchgekommen an diesem Morgen. Die Sonne scheint. Es ist hell. Frost gibt es noch nicht. Nachdem wir angekommen sind, kaufen wir Blumen. Im Krankenhausblumenladen. Fresien kaufen wir. Viele Fresien. Weil sie nach Frühling duften und Josef. Ich wünsche mir, dass er den Frühling riecht. Bevor er stirbt. Wir gehen durch die Notaufnahme. Die Treppe rauf. Dann geradeaus. Wir stehen vor der Schleuse. Klingeln. Wir müssen gar nichts sagen. Die Schleuse öffnet sich und wir gehen den langen Gang runter. Dann rechts. Wir schließen unsere Sachen in den Schrank, desinfizieren unsere Hände. Ich stelle die Milch in den Kühlschrank. Wie war die Nacht, Schwester? Ruhig. Unverändert. Wir fragen nach einer Vase. Stellen die Blumen ins Wasser neben das Bett von Josef. Guten Morgen, mein lieber Josef. Von deiner Schwester sollen wir dich grüßen und küssen. Nach und nach versammeln sich die Seelsorgerin, Krankenschwestern und die Ärztin um Josef. Es ist ganz ruhig. Die Ärztin zieht den Beatmungsschlauch. Uli und ich sitzen neben Josef. Uli hält Josefs rechte Hand, ich seine linke. Wir sitzen und warten und warten und warten. Josef atmet. Einatmen und Ausatmen. Einamtmen und Ausatmen. Einatmen und Austamen. Wir sind versteinert.
Bis eine Schwester sagt: So. Nun kuscheln sie mit Josef. So wie jeden Morgen. Das ist er gewohnt. Eine Liege wird ausgeklappt. Das Stillkissen drapiert. Josef wird mir auf die Brust gelegt. Er hat nur noch eine Magensonde und eine Flexüle. Auf der Brust hat er noch Elektroden. Für die Herzfrequenz und Atemfrequenz. Die Sauerstoffsättigung wird nicht mehr gemessen. Ich liege mit Josef und er atmet. Sein rechtes Auge öffnet er. Als würde er mich anblinzeln. Uli sitzt neben uns. Langsam beginnen wir zu plaudern. Mit den Schwestern und der Seelsorgerin. Die Ärztin muss leider zu den anderen Kindern. Signalisiert uns aber, sie sei da, wenn wir sie brauchen. Stunden liege ich dort. Die Schwester saugt Josef oft ab. Mit einem Absaugkatheter. Aus dem Mund und der Nase. Das stört uns nicht. Nach drei Stunden atmet Josef immer noch auf meiner Brust. Einatmen und Ausatmen. Er öffnet seine Augen. Welch ein unfassbares Wunder! Ich sauge alles ein. Unser Josef atmet. Wir verabschieden uns kurz von Josef. Nur um die Klinik gehen wir. Etwas essen und trinken. Gleich sind wir wieder da, lieber Josef. Als wir zurück sind ist Josef weiterhin stabil. Uli kuschelt mit Josef. Sehr lange atmen Vater und Sohn gemeinsam. Eine Freundin kommt am Abend. Das Wunder bestaunen. Klara rufen wir an und sagen, dein Bruder, die gemalten Kerzen von deinen Freunden haben geholfen. Er atmet heute. Vielleicht auch morgen. Sehr lange sind wir in der Klinik. Kurz vor Mitternacht verlassen wir Josef. Gute Nacht, lieber Josef. Schlafe gut, lieber Josef. Schlafe gut, liebe Klara. Schlaft gut, unsere Kinder.