Der Wecker klingelt.

Es ist 6.00 Uhr. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Ich spüre meine Verspannungen. Die Anspannungen in den Verspannungen. Einatmen und Ausatmen.

Ich gehe ins Wohnzimmer. Josef liegt auf den Knien der Schwester. Neben der Schwester stehen die Absauge und die Inhalette. Mehrere gebrauchte Katheter liegen vor dem Sofa. Sie inhaliert Josef. Seine Augen fallen immer wieder zu. Herzfrequenz 138. Sauerstoffsättigung 90.

Ich streichele Josefs Kopf. Frage die Schwester nach der Nacht. Sie ist angespannt. Sehr angespannt. Geschafft und müde. Sie stöhnt leise. Sagt, es war ein Kampf heute Nacht. So sieht es auch aus, sage ich.

Die Sauerstoffsättigung schwankte stark. Josef war sehr unruhig. Um 4.00 Uhr rief sie das SAPV-Team an. Das hat ihr geholfen. Sie haben ihr gesagt, sie soll weiter inhalieren, bis sich die Atmung von Josef verbessert. Okay, sage ich. Josef und ich haben ganz schön miteinander gekämpft, sagt sie noch einmal.

Gut, dass du das SAPV-Team angerufen hast, sage ich. Ja, sagt sie. Ja. Ich gehe in die Küche. Setzte Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Einatmen und Ausatmen. Kampf, denke ich. Mit Josef kämpfen. Mir laufen leise Tränen.

Niemand soll mit ihm kämpfen, denke ich. Wir sind nicht im Krieg. Josefs Leben ist kein Krieg. Wir befinden uns nicht im Gefecht. Einatmen und Ausatmen.

Klara kommt. Ich küsse sie auf ihren Kopf. Sie ist müde heute. Sie setzt sich auf ihren Stuhl. Isst ihre Cornflakes. Ich höre Uli mit der Schwester sprechen. Uli wird laut. Ich gehe zu ihnen. Josef liegt auf ihrem Schoß.

Uli fragt, wie Josef geatmet hat. Die Schwester sagt, anstoßend. Wie klingt das, fragt Uli. Ich mache das jetzt nicht vor, sagt die Schwester. Doch, sagt Uli. Ich verstehe es sonst nicht.

Ich nehme Josef. Schalte den Monitor aus. Die Schwester erklärt die Atmung. Steht auf. Spült die Inhalette aus. Uli geht in die Küche. Ich spüre Ulis Wut. Die Schwester verabschiedet sich. Schlaf gut, sage ich. Danke. Einatmen und Ausatmen.

Klara geht los. Los in die Schule. Uli winkt ihr, bis er sie nicht mehr sieht. Ich halte Josef. Küsse ihn. Er schlummert wieder ein.

Um 9.00 Uhr klingelt es. Die liebe Physiotherapeutin. Ich ziehe Josef unter der warmen Lampe aus. Überlasse ihn ihren Händen. Josef geht es etwas besser. Sie spürt es. Spürt, was sie ihm zumuten kann, unserem Josef.

Uli und ich reden. Über die Gefühle von Ausgeliefertsein und Ohnmacht. Deutungshoheiten von Situationen. Davon. Wie lange wir es aushalten. Die vielen Menschen. Die vielen Deutungen von Josef. Wie lange halten wir es aus? Einatmen und Ausatmen.

Ich sage, sie hat das SAPV-Team angerufen. Das ist doch gut. Ja, sagt Uli. Ja. Vielleicht sollten wir milder sein. Doch. Wie sollen wir milde sein. Im Angesicht des Todes von Josef? Wie sollen wir da milde sein? Einatmen und Ausatmen.

Jetzt ist jetzt. Die liebe Physiotherapeutin verabschiedet sich. Ich gebe Josef seinen Morgenbrei. Er ist sehr angespannt. Ich gebe ihm ein Schmerzmittel. Dann schläft er ein. Mein Josef schläft. Ich lege ihn in sein Bett.

Das Telefon klingelt. Die Schwester vom SAPV-Team. Uli und sie sprechen. Lange. Uli redet. Fasst seine Wut in Worte. Beruhigt sich. Josef geht es besser, sagt er. Gut, sagt die Schwester. Der Arzt meldet sich heute. Gut, sagt Uli. Danke, sagt Uli auch.

Um 13.00 Uhr klingelt es. Der MDK. Die Frau vom MDK. Wir sind vorbereitet. Sagen, es hat sich nichts verbessert. Verschlechtert. Die Frau sagt, ich sehe es. Ich hätte nicht gedacht, dass ich Josef noch einmal sehe. Einatmen und Ausatmen. Dann geht sie. Tränen hat sie in den Augen. Ich auch.

Um 14.00 Uhr klingelt es. Die Schwester. Josef wird wach. Sie inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich gebe ihm seinen Mittagsbrei. Ganz vorsichtig. Medikamente und Tee. Gebe ihr Josef.

Uli und ich gehen los. Laufen hinten entlang zum Hort. An der Koppel vorbei. Würden am liebsten schreien. Wie schwer es doch ist. Das würdevolle Leben. Die Anspannung der letzten Wochen entlädt sich. Etwas.

Klara kommt gleich mit. Wir gehen vorn entlang. Sie hüpft und springt. Wie sie das nur macht, unsere Klara.

Zu Hause. Kakao und Kaffee. Josef entspannt sich gerade, sagt die Schwester. Gut, sage ich. Gut. Temperatur 37,5. Herzfrequenz 128. Sauerstoffsättigung 91.

Das Telefon klingelt. Der SAPV-Arzt. Uli spricht mit ihm. Lange. Josef soll weiter Cortison bekommen. Soll weiterhin intensiv inhaliert werden. Um 18.00 Uhr geht die Schwester.

Wir essen zusammen Abendbrot. Brot. Ich gebe Josef seinen Abendbrei. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich bringe Klara in unser Bett. Es ist ja Wochenende. Ich lese ihr vor. Kuschel mit ihr. Mache ihr das Hörspiel an. Uli legt Josef in sein Bett. Herzfrequenz 128. Sauerstoffsättigung 88. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Lagert ihn um. Dann wird es besser.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir gehen ins Bett. Schlaf.