449 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

, Zu Hause 2

Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker. Wochenende. Samstag. Eine Pause, denke ich. Vom Wochenalltag. Klara und Uli schlafen noch. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee.

Es ist still. Ungewohnt still. Keine Kinder auf dem Schulhof. Ich öffne die Balkontür. Atme. Einatmen und Ausatmen. Einatmen und Ausatmen.

Ich gehe in Josefs Zimmer. Die Tür knarrt. Josef liegt in seinem Bett. Er schläft. Herzfrequenz 128. Sauerstoffsättigung 95. Die Schwester sitzt auf dem Sofa. Es ist ganz vertraut. Wir kennen uns. Aus dem Kinderhospiz. Ich fühle mich sicher. Mit ihr. Muss nichts erklären.

Sie sagt, Josef schlief durch. Stabile Vitalzeichen. Keine Krämpfe. Kein Fieber. Gut, sage ich. Gut. Die Tür knarrt. Uli kommt rein. Wir erzählen noch ein wenig. Dann verabschieden wir sie.

Wir lassen die Tür zu Josefs Zimmer weit offen. Seine Tür grenzt genau an unsere Wohnküche. Er ist nun Teil von unserem Familienleben. Dabei. Das ist schön. Anders als in der alten Wohnung.

Uli und ich. Wir setzen uns zu Josef. Trinken Kaffee. Schauen aus dem Fenster auf den Hof. Unsere Wohnung ist hell. Überall haben wir große Fenster. Es ist schön. Heute sind wir allein. Ohne Pflegedienst.

Josef wird wach. Ich schalte den Monitor aus. Nehme ihn aus seinem Bett. Küsse ihn. Guten Morgen, mein Bär. Guten Morgen. Uli bereitet die Inhalette vor. Inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Dann nehme ich Josef. Küsse ihn.

Spüre zum ersten Mal tiefe Freude. Freude darüber, dass wir hier sind. In der neuen Wohnung. Mit Josef. Das er mitgekommen ist. Das wir es geschafft haben. Den Umzug. Und alles. Wir haben es geschafft. Mir laufen Tränen. Vor Erleichterung.

Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Lasse mir Zeit. Küsse Josef. Seine kleinen Füße und seine Hände. Seinen Bauch. Seine Brust. Seine Stirn. Seine Nase. Seinen Mund.

Heute sind wir nicht unter Beobachtung. Das fühlt sich gut an. Wie Urlaub. Urlaub von den fremden Menschen in unserer Wohnung. Urlaub von Bewertungen. Von Rechtfertigungen. Diskussionen. Erklärungen. Antworten müssen. Urlaub vom Türöffnen, wenn es klingelt. Urlaub. Wochenendurlaub.

Klara kommt. Fragt, ob sie fernsehen darf. Ja, sage ich. Es ist ja Wochenende. Dann frühstücken wir. Ich gebe Josef seinen Morgenbrei. Medikamente. Tee. Dann ziehen wir uns an. Klara auch. Uli packt die Absauge ein.

Wir gehen ins Kinderhospiz. Sind einfach dort. Im Gemeinschaftsraum. Plaudern. Mit den Pflegern und Schwestern. Gäste sind da. Eltern auch. Klara verschwindet mit den Geschwisterkindern im Kreativraum.

Uli fährt los. Los in unsere alte Wohnung. Heute wollen sich Interessenten unsere alte Wohnung anschauen. Josef schläft auf meiner Brust ein. Ich sitze mit ihm in dem großen Sessel im Gemeinschaftsraum. Schaue auf den schönen Garten. Ich fühle mich sicher hier. Willkommen. Darf sein. Hier. Einfach nur sein. Josef schläft auf meiner Brust. Bekommt Tee. Medikamente über seinen Bauchschlauch.

Gegen 14.00 Uhr ist Uli wieder da. Ich gebe Josef seinen Mittagsbrei. Uli strahlt. Sagt, zwei Familien haben großes Interesse. Vielleicht wird es doch noch gut, denke ich. Doch noch gut.

Wir gehen in unsere Wohnung. Klara bleibt noch etwas im Kinderhospiz. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich lege Josef über meine Knie. Damit das Sekret gut ablaufen kann. Wir trinken Kaffee. Essen Kekse. Es ist hell heute. Ein heller Februartag. In unserer neuen Wohnung. Es fühlt sich richtig an, Uli. Ja, sagt Uli. Ja. Das tut es.

Klara kommt um 18.00 Uhr. Josef ist wach. Ich inhaliere Josef. Sauge ihn ab. Uli bereitet das Abendbrot vor. Es gibt Brot. Ich gebe Josef seinen Abendbrei. Wir schauen genau auf den Schulhof. Es ist ruhig. Richtig still.

Das ist schön. Diese Stille. Im Kontrast zur Woche. Wenn es laut ist und viel Bewegung. Beides ist schön. Das Laute und die Stille. Die Ruhe und die Bewegung. Wir brauchen beides.

Nach dem Abendbrot inhaliert Uli Josef. saugt ihn ab. Zusammen schauen wir fern. In unserer Wohnküche. Josef liegt auf meiner Brust. Sein Ohr liegt auf meinem Herz. Josef, mein Josef. Spürst du mein Herz? Ich küsse seinen Kopf. Immer wieder. Küsse und küsse ihn. Uli bringt Klara in unser Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Josef schläft auf meiner Brust.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Vertraute Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 122. Sauerstoffsättigung 92. Wir erzählen noch ein wenig. Dann gehen wir ins Bett. Schlafen. Ruhig.

Veröffentlicht am: 21.02.2019


"Bezahle, so viel du möchtest" ist eine Idee, die wir schon lange haben. 673 Tage, die wir mit Josef erlebt haben. Wir verschenken Texte und Bilder, Tag für Tag. Du kannst zurückschenken! Groß-, Mittel-, Klein- und Kleinstbeträge, alles hilft!

Jetzt Spenden! Das Spendenformular wird von betterplace.org bereit gestellt.

❤️ Mehr darüber, wie du uns unterstützen kannst.