569 | Um 7.00 Uhr klingelt der Wecker.

, Zu Hause 2

Um 7.00 Uhr klingelt der Wecker. Ich schalte ihn aus. War schon vorher wach. Lange. Vorher. Klara schläft. Ihr Kopf liegt bei mir. Die Beine bei Uli. Groß ist sie geworden. Groß. Gewachsen. Innerlich und äußerlich. Ich küsse ihren Kopf. Sie schläft. Weiter.

Ich gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Gehe auf den Balkon. Die Sonne scheint. Sommeranfang. Einatmen und Ausatmen.

Ich gehe in Josefs Zimmer. Josef schläft. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 97. Die Schwester sitzt auf dem Sofa. Alles schon fertig. Hat alles schon weggeräumt. Aufgeräumt. Ausgetauscht.

Ich frage nach der Nacht. Bis 4.00 Uhr schlief Josef ruhig. Dann zog seine Atmung. Er war sehr unruhig. Das Sekret ist sehr zäh. Kein Fieber. Keine sichtbaren Krämpfe. Gute Diurese. Gut, sage ich. Gut. Sie verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke. Ich öffne das Fenster. Die Luft ist angenehm. Morgenluft.

Uli kommt zu uns. Bringt den Kaffee mit. Wir sitzen bei Josef. Sind still. Das Kind, denke ich. Wo wird es jetzt sein? Wo ist es? Ich habe das Gefühl, es ist noch da. Irgendwie. Ich spüre es noch. Oder bilde ich es mir ein? Tröste ich mich mit dem Gedanken. Weil der Verlust schmerzt? Einatmen und Ausatmen.

Wie wird es den Eltern gehen? Den Geschwistern? Werden wir sie sehen? Noch einmal. Auch von ihnen möchte ich mich verabschieden. Sie werden nicht mehr da sein. Im Kinderhospiz. Einatmen und Ausatmen.

Josef wird wach. ich schalte den Monitor aus. Küsse ihn. Guten Morgen, mein Josef. Nehme ihn in meinen Arm. Inhaliere Josef. Sauge ihn ab. Klara kommt. Fragt. Ja, sage ich. Ja. Es ist doch Wochenende. Uli holt Brötchen. Vom Bäcker. Die Kerze brennt nicht mehr. Im Kinderhospiz. Sagt er. Als wäre das Kind noch einmal zurückgekommen.

Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Wir essen Frühstück. Ich gebe Josef vorsichtig seinen Morgenbrei. Tee. Medikamente. Klara im Schlafanzug. Josef schläft wieder ein. In meinem Arm. Ich lege ihn vorsichtig auf das Lagerungskissen.

Das Telefon klingelt. Eine Freundin. Sagt, ich habe eine kleine Katze für euch. Wollt ihr sie haben? Dann müsst ihr sie holen. Heute. Ich rufe zurück, sage ich. Klara ist begeistert. Eine Katze. Wollte sie schon immer haben. Schon immer. Bitte, sagt sie. Bitte.

Uli ruft das SAPV-Team an. Fragt. Wie wäre es für Josef? Mit einer Katze? Wegen seiner Atmung? Die Ärztin lacht. Sagt, holen sie die Katze. Für Josef wird das in Ordnung sein. Dann entscheiden wir. Spontan. Und dann als Trost. Für Klara und uns. Für den Verlust.

Wir fahren los. Alle zusammen. Josef, mein Josef. Er schläft während der Fahrt. Wir sind da. Sind in dem Garten. Die Katze. Drei Farben hat sie. Ganz klein ist sie. Ganz klein. Klara ist verliebt. In diese Katze.

Josef in meinem Arm. Ich küsse ihn. Er ist gar nicht wirklich da, denke ich. Schwebt. Seine Augen sind halb offen oder geschlossen. Ich küsse und küsse ihn. Wir fahren wieder los. Die kleine Katze auf Klaras Schoß. Klara ist glücklich.

Zu Hause. Josefs Zimmertür schließen wir. Da darf sie nicht rein. Die kleine Katze. Josef wird inhaliert. Abgesaugt. Die kleine Katze versteckt sich unter unserem Bücherregal. Klara sitzt davor. Wartet. Josef wird inhaliert. Abgesaugt. Ich halte Josef in meinem Arm. Seine Atmung zieht ein wenig. Ich küsse ihn. Immer wieder. Lege ihn mir über die Knie. Helfe ihm beim Atmen. Einatmen und Ausatmen.

Wir essen zusammen Abendbrot. Brot. Die Katze kommt nicht hervor. Versteckt unter dem Bücherregal. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Gibt Medikamente. Tee. Wir schauen zusammen Kinderfernsehen. Josef auf Uli. Auf seinem Bauch. Vater und Sohn.

Ich bringe Klara in unser Bett. Sie möchte heute nochmal bei uns schlafen. Die Katze ist ja auch bei uns. Ich lese Klara und der Katze vor. Mache das Hörspiel an. Josef schlummert auf Uli. Das Sekret läuft. Seine Atmung zieht. Ein wenig. Habe mich daran gewöhnt. An die ziehende Atmung. Ach, Josef. Mein Josef.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Uli legt Josef in sein Bett. Herzfrequenz 140. Sauerstoffsättigung 94. Er schläft. Josef, mein Josef. Wie kannst du schlafen bei der hohen Herzfrequenz? Wir überlegen. Was könnte es sein? Entscheiden uns wieder für Schmerzmedikamente. Ich küsse Josef. Streichele seine schönen Locken. Kann mich heute schwer lösen.

Irgendwann gehe ich ins Bett. Die Katze. Immer noch unter dem Bücherregal. Klara schläft. Uli und ich. Noch lange nicht.

Veröffentlicht am: 21.06.2019


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