Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Klara und Uli schlafen. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Aus dem Wohnzimmer höre ich die Inhalette. Ich gehe ins Wohnzimmer. Die Schwester hält Josef im Arm. Herzfrequenz 128. Sauerstoffsättigung 96.

Ich küsse seinen Kopf. Mir ist die Nähe heute zur Schwester egal. Ich küsse ihn einfach, meinen Josef. Ich frage nach der Nacht. Um 2.00 Uhr war Josef wach, sagt sie. Er hat kurz und leicht gekrampft. Die Sauerstoffsättigung fiel ab und zu. Immer nur kurz. Sie hat ihn dann ein wenig umgelagert.

Die Herzfrequenz war in dieser Nacht ungewöhnlich niedrig. Das Sekret läuft seit heute morgen. In der Nacht konnte sie nur wenig absaugen. Okay, sage ich. Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Einatmen und Ausatmen.

Herzfrequenz niedrig, denke ich. Was bedeutet das? Zum Glück kommt die Ärztin. Heute. Am Sonntag. Ich gehe ins Wohnzimmer. Nehme Josef in den Arm. Küsse ihn. Streichele seinen schönen Kopf. Seine schönen Locken. Die Streifen am Kinn verblassen.

Die Schwester spült die Inhalette aus. Verabschiedet sich. Schlaf gut, sage ich. Danke, sagt sie. Uli kommt zu uns. Holt den Kaffee aus der Küche. Ich lege Josef auf meine Knie. Mit dem Kopf nach unten. Damit das Sekret ablaufen kann. Ich dehne seine Seiten. Indem ich Arm nach vorn nehme. An seinen Rippen entlang streiche.

Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich mache ihm einen Quarkwickel. Uli schiebt die Brötchen in den Ofen. Deckt den Frühstückstisch. Klara schaut fern. Ich höre Bibi und Tina aus dem Schlafzimmer. Dann frühstücken wir zusammen. Josef auf meinem Schoß. Er bekommt seinen Morgenbrei.

Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Wie automatisch das geht. Inhalieren. Absaugen. Lagern. Medikamente geben. Brei. Tee. Inhalieren. Absaugen. Lagern. Küssen. Lagern. Küssen. Inhalieren. Absaugen. Lagern. Küssen.

Um 13.00 Uhr klingelt es. Die Palliativschwester und die Ärztin. Wir freuen uns. Die Ärztin hört Josef ab. Sagt. Es ist besser. Er hat viel Sekret. Es hört sich locker an. Das Sekret.

Der Inhalationsplan wird reduziert. Es soll nur noch alle drei Stunden inhaliert werden. Um die Herzfrequenz macht sich dir Ärztin keine Sorge. Es ist alles im Normbereich. Gut, sage ich. Das ist doch gut.

Wir reden. Eine lange Weile reden wir. Ich halte Josef in meinem Arm. Wir sprechen über Josef. Über uns. Über das Leben im Sterben. Das wir uns zusammen auf eine Reise begeben haben.

Wir nicht wissen, was uns erwartet. Wir alle nicht wissen, was kommen wird. Wie es sich anfühlen wird. Auch die Ärztin nicht. Wir wissen es nicht, sagt sie. Wir müssen es alle zusammen aushalten. Das Leben im Sterben. Wir dürfen das Lachen nicht verlernen, sage ich. Das Glücklich-Sein. Sagt sie.

Ich weiß, sage ich. Ich weiß. Die Leichtigkeit in der Schwere nicht verlieren. Sonst können wir alle nicht mehr atmen, wenn es zu schwer ist. Atmen ist doch Leben. Josef ist der Experte. Für das Atmen. Wir lachen. Von Herzen lachen wir. Dann laufen mir Tränen. Während ich lache. Es fühlt sich richtig an. Das Weinen im Lachen.

Sie verabschieden sich. Es fühlt sich richtig an. Wir machen es richtig, mein Bär. Das Lachen. Das Weinen. Der Nachmittag vergeht. Wie ein Sonntagnachmittag vergeht. Wir spielen mit Klara. Carcasonne.

Josef in meinem Arm. Wird inhaliert. Abgesaugt. In Ulis Arm. Im Therapiestuhl. Er bekommt Brei. Tee. Medikamente. Klara hält ihn auch. Ihren Bruder. Kurz. Er ist ihr zu schwer. Der Josef.

Zusammen essen wir Abendbrot. Nudeln mit Pesto. Uli gibt Josef seinen Brei. Ich lasse Wasser in die Wanne. Klara und Josef baden zusammen. Josef das erste Mal mit seinem Bauchschlauch. Es ist schön. Beide Kinder in der Badewanne. Klara hat eine Taucherbrille auf. Mit einem Schnorchel.

Uli nimmt Josef aus der Wanne. Ich trockne ihn ab. Öle ihn ein. Küsse ihn. Meinen Josef. Ziehe ihn an. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Wir schauen Kinderfernsehen. Ich bringe Klara in ihr Bett. Lese ihr vor. Mache ihr das Hörspiel an.

Klara sagt, das Wochenende war schön. Können wir öfter zusammen spielen? Ja, sage ich. Ja. Das Wochenende war schön. Es war auch schön. Josef schläft im Arm von Uli. Er legt ihn vorsichtig in sein Bett. Herzfrequenz 128. Sauerstoffsättigung 94.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir gehen ins Bett. Schlafen.