388 | Montag, der 22. Dezember 2014

Der Wecker klingelt. Es ist 6.00 Uhr. Mir ist schwindelig. Ich sitze eine kurze Weile auf dem Bettrand. Klara schläft. Ganz eingekuschelt. Ich sehe nur ihr Haare auf dem Kopfkissen. Uli ist wach. Liegt ganz still. Auf der Seite. Schaut. Durch mich durch. Ist bei sich. Oder woanders.

Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Aus dem Wohnzimmer höre ich die Inhalette rauschen. Alles nach Plan, denke ich. Alles nach Plan. Ich wasche mich. Gehe ins Wohnzimmer. Die Schwester steht am Bett von Josef. Mit dem Rücken zu mir. Herzfrequenz 138. Sauerstoffsättigung 96.

Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Uli steht hinter mir. Umarmt mich. Hält mich fest. Wir halten uns fest. Spüren. Unsere Wärme. Unseren Atem. Wir sind da. Sind noch da. Leben.

Ich gehe ins Wohnzimmer. Frage die Schwester nach der Nacht. Josef war unruhig, sagt sie. Das Sekret ist sehr zäh. Temperatur 36,5. Keine Krämpfe. Gut, sage ich. Gut. Josef schläft. Herzfrequenz 139. Sauerstoffsättigung 97. Viel zu hohe Herzfrequenzen, denke ich. Viel zu hoch.

Da kommt sie wieder. Die Unruhe. Einatmen und Ausatmen. Die Schwester spült die Inhalette aus. Verabschiedet sich. Schlaf gut, sage ich. Danke.

Ich sitze bei Josef. Er liegt auf der rechten Seite. Mit seinem Gesicht zu mir. Sein Mund steht offen. So, wie er immer offen steht. Er ihn nicht schließen kann. Das Sekret läuft aus seinem Mund und seiner Nase. Seine Augen sind fast geschlossen.

In seinen Armen hat er sein Schlafschaf. Sein Körnerschlafschaf. Seinen Rücken stützt das Stillkissen. Das Ende vom Stillkissen befindet sich zwischen seinen Beinen. Josef, mein Josef. Er kann sich nicht bewegen, mein Josef. Kann sich nicht drehen. Seine Lage nicht verändern. Ist immer auf uns angewiesen. Kann nicht zeigen, wie er liegen möchte. Josef. Mein Josef. Einatmen und Ausatmen.

Ich verändere seine Lage minimal. Hoffe, dass vielleicht die Herzfrequenz runter geht. Tut sie nicht. Ich schalte den Monitor aus.

Uli sitzt auf dem Sofa. Ist still. In sich gekehrt. Klara kommt. Mit ihren zerzausten Haaren. Fragt, ob sie fernsehen darf. Ja, sage ich. Es sind doch Ferien. Sie geht wieder ins Bett. Ich mache ihr einen Kakao. Bringe ihn an unser Bett.

Josef ist wach. Ich höre ihn. Ganz deutlich. Seine Atmung ist angestrengter. Uli entfernt den Sensor an seiner Hand. Nimmt Josef aus dem Bett. Hält ihn. Ganz dicht. Sie vergewissern sich. Das sie da sind. Leben. Ich bereite die Inhalette vor. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab.

Um 9.00 Uhr klingelt es. Die liebe Physiotherapeutin. Ich ziehe Josef langsam aus. Küsse ihn. Guten Morgen, mein Bär. Räume sein Bettzeug weg. Sie begrüßt Josef. Mit ihren Händen. Ihrer Stimme. Schön, dass sie da ist. Sie bringt Ruhe mit. Ruhe in meine Unruhe. Ich küsse Josef immer wieder. Die Lunge, sagt sie. Rechts ist etwas mehr Sekret. Okay, sage ich. Zum Abschied umarmen wir uns. Wünschen uns schöne Weihnachten und einen guten Rutsch. Ins neue Jahr.

Ich ziehe Josef an. Gebe ihm seinen Morgenbrei. Medikamente und Tee. Klara steht auf. Frühstückt im Wohnzimmer. Bei uns. Josef schläft wieder ein. In meinem Arm. Ich halte ihn. Spüre ihn. Mag ihn nicht hinlegen.

Um 12.00 Uhr klingelt es. Die Katheter werden geliefert. Filter. Schläuche. Riesige Kartons. Uli sortiert. Versucht, sie wegzusortieren. Die Dinge. Damit es nicht aussieht wie im Krankenhaus. Bei uns.

Josef wird inhaliert. Abgesaugt. Bekommt Tee. Medikamente. Küsse. Sitzt im Therapiestuhl. Heute mag er es nicht. Streckt sich etwas. Ich nehme ihn wieder. Halte ihn. Meinen Josef.

Um 14.00 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Wir fahren noch einmal los. Mit Klara. Sie möchte so gern auf den Weihnachtsmarkt. Es nieselt etwas. Kalt und nass. Das stört uns nicht. Klara isst Crepes.

Die Weihnachtsmusik rauscht an uns vorbei. Uli und ich. Sind nicht wirklich da. Sind ganz woanders. Wo nur, Uli? Wo? Die Weihnachtswelt so unwirklich. In diesem Jahr. Wie schon im letzten Jahr. Wird sich das wieder ändern, Uli? Oder wird es jetzt so bleiben? Dringt die Weihnachtszeit nicht mehr zu uns vor?

Wir fahren zurück. Klara ist glücklich. Wir waren noch mal auf dem Weihnachtsmarkt. Zusammen.

Zu Hause. Josef schläft. Die Schwester sitzt auf dem Sofa. Sagt, Josef war entspannt. Sie wirkt erleichtert. Wir verabschieden sie. Sehen uns morgen noch einmal.

Wir essen Nudeln zum Abendbrot. Gegen 19.00 Uhr wird Josef wach. Uli inhaliert ihn. Saugt ihn ab. Ich gebe ihm seinen Abendbrei. Küsse ihn. Ich spüre ein Zittern. Er krampft unterschwellig. Ich küsse und küsse ihn. Es hilft nicht. Hört nicht auf. Das Zittern.

Uli gibt ihm ein Medikament. Dann schläft er wieder ein. Mir laufen Tränen. Kann sie gerade nicht halten. Zusammen schauen wir Kinderfernsehen. Uli bringt Klara in unser Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Ich lege Josef in sein Bett. Schalte den Monitor an. Herzfrequenz 133. Sauerstoffsättigung 88. Ich inhaliere Josef. Sauge ihn ab. Dann wird die Sauerstoffsättigung besser. 97.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir gehen ins Bett. Schlaf. Irgendwann.