389 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

, Zu Hause 1

Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker. Ich stehe auf. Ich bin aufgeregt. Angespannt. Eher angespannt. Als aufgeregt. Gehe ins Bad. Wasche mich. Aus dem Wohnzimmer höre ich die Inhalette. Alles nach Plan, denke ich. Alles nach Plan. Ich gehe ins Wohnzimmer. Josef schläft. Herzfrequenz 122. Sauerstoffsättigung 98.

Die Schwester steht mit dem Rücken zu mir. Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Einatmen und Ausatmen. Uli kommt in die Küche. Ich gehe ins Wohnzimmer. Frage die Schwester nach der Nacht. Josef schlief fast durch, sagt sie.

Um 1.00 Uhr und 3.00 Uhr hatte Josef Sauerstoffsättigungsabfälle. Nach dem Absaugen und Lagern war es besser. Kein Fieber. Keine Krämpfe. Das Sekret ist sehr zäh, sagt sie. Okay, sage ich. Josef wird wach. Seine Atmung wird laut. Sie zieht.

Uli inhaliert Josef. Saugt ihn vorsichtig ab. Ich schalte den Monitor aus. Entferne den Sensor von seiner Hand. Nehme ihn aus seinem Bett. Küsse Josef. Er krümmt sich nach vor. Streckt sich dann wieder. Ein Krampf, denke ich. Josef, mein Josef.

Um 7.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich gehe los. Zu meinem Termin. Es ist grau. Kalt und grau. Kein Schnee. Ich fahre mit dem Zug. Ganz kurz nur. Steige aus. Gehe den Weg in die Stadt.

Ich kenne diesen Weg. Kenne diese Stadt. Habe hier gearbeitet. Manchmal. Hoffe, niemanden zu treffen. Nicht gefragt zu werden von nur bekannten Menschen. Es ist leer in der Agentur für Arbeit. Ein Weihnachtsbaum steht im Foyer. Ich melde mich arbeitsuchend. Lege meinen Ausweis hin. Lege den Aufhebungsvertrag vor.

Bekomme einen neuen Termin. Beim Vermittler. Im neuen Jahr. Den Antrag für das Arbeitslosengeld bekomme ich mit. Den Bogen für die Stellungnahme für den Aufhebungsvertrag auch. Sie sind freundlich. Wir wünschen uns frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Ich gehe wieder zum Bahnhof. Es ist kalt. Und nass. Ich warte auf den Zug. Setze mich. Fahre nur kurz. Es fühlt sich komisch an. Früher bin ich so oft. Die Strecke. Zu meiner Arbeit. Einatmen und Ausatmen.

Um 12.00 Uhr bin ich zu Hause. Josef ist wach. Liegt im Arm der Schwester. Sie sieht geschafft aus. Die Schwester. Er ist die ganze Zeit schon wach, sagt sie. Ich nehme ihn. Uli und Klara sind in Klaras Zimmer. Spielen. Packen Geschenke ein. Kommen zu uns. Als sie hören, dass ich da bin.

Ich küsse Josef. Spüre seine Wärme. Seine Anspannung. Wir verabschieden die Schwester. Wünschen ihr frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Einatmen und Ausatmen. Ich halte Josef in meinem Arm. Meine Gedanken schweifen. Manchmal komme ich nicht hinterher. Hinter meinen Gedanken. Sie sind zu schnell. Für mich. Uli packt Sachen in große blaue Taschen. Katheter. Filter. Medikamente. Josef schläft ein. Ich lege ihn in sein Bett. Dann packe auch ich. Sachen. Geschenke. Ein. Klaras Sachen. Morgen sind wir im Kinderhospiz.

Feiern Weihnachten dort. Josef wird wach. Wird inhaliert. Abgesaugt. Bekommt Tee und Medikamente. Seinen Mittagsbrei. Es wird dunkel draußen. Tee. Kaffee. Kakao. Plätzchen. Schmerz. Freude. Josef ist da. Wir sind zusammen. Welch ein Glück. Welch ein Glück, möchte ich schreien und gleichzeitig tut es so weh. Wie kann das nur sein? Uli? Wie kann das nur sein?

Josef liegt auf meinen Knien. Mit dem Kopf nach unten. Sein Sekret läuft. Mein Knie ist ganz nass. Ich streichele seine schönen Locken. Küsse seinen kleinen Leberfleck hinter seinem Ohr. Wie schön er doch ist. Unser Josef. Wie schön. Und welch ein Glück wir doch haben.

Abendbrot essen wir heute im Wohnzimmer. Zünden die Kerzen an. Schauen ein Märchenfilm. Josef wird inhaliert. Abgesaugt. Er zittert. Leicht. Ich spüre es. Ich nehme ihn in den Arm. Er braucht immer eine lange Weile, ehe er sich an die neue Lage gewöhnt. Braucht sehr lang. Zum Ankommen. Zum Ankommen brauchen wir sehr lange, mein Josef. Auch wir.

Josef bekommt seinen Abendbrei. Ich inhaliere Josef. Sauge ihn ab. Uli bringt Klara in unser Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Ich ziehe Josef für die Nacht um. Er schläft ein. In meinem Arm. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 117. Sauerstoffsättigung 95. Wie schön. Welch schöne Werte.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir gehen ins Bett. Schlafen. Spät.

Veröffentlicht am: 23. 12. 2018

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