662 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

, Zu Hause 2

Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker. Ich schalte ihn aus. Bleibe kurz liegen. Die Katze liegt auf Ulis Sachen. Die Tür klappert. Ich warte.

Stehe auf. Mir ist schwindlig. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Ich gehe in die Wohnküche. Setzte Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Klara kommt. Kuschel sich an mich. Ich küsse sie. Auf ihren Kopf.

Uli setzt sich zu Klara. Ich gehe in Josefs Zimmer. Er schläft. Herzfrequenz 110. Sauerstoffsättigung 96. Die Schwester steht an seinem Bett. Gibt ihm Tee. Über den Bauchschlauch. Ich streichele Josefs Kopf. Küsse ihn. Frage nach der Nacht.

Sie holt tief Luft. Sagt. Schwankend. Er hatte einen schweren Krampfanfall. Der Krampf löste sich von allein. Das Sekret ist fest und zäh. Kein Fieber. Okay, sage ich. Okay. Josef verändert sich, sagt sie. Ich weiß, sage ich. Ich weiß.

Einatmen und Ausatmen. Sie räumt. Spült. Wechselt aus. Zieht auf. Klara geht los. Los in die Schule. Ich winke ihr nach. Bis ich sie nicht mehr sehe. Die Schwester verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke. Ich hoffe, sie bleibt bei uns. Die Schwester.

Josef schläft. Ich lege meine Hand auf seinen Kopf. Es klingelt. Die Schwester. Es klingelt noch einmal. Das SAPV-Team. Ich schalte den Monitor aus. Nehme Josef aus seinem Bett. Küsse ihn. Inhaliere Josef. Die Schwester saugt ihn ab. Er ist ganz schläfrig. Erschöpft.

Die Ärztin nimmt Blut ab. Josef reagiert nicht. Mir laufen Tränen. Nach innen. Das SAPV-Team geht. Kommen am Nachmittag wieder. Mit mehr Zeit. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig.

Mit der Schwester rede ich. Über das Nötigste. Über Josef. Sonst sind wir still. Einvernehmlich still. Sie nimmt Josef in den Arm. Ich gebe Josef seinen Morgenbrei. Tee. Medikamente. Josef schlummert. Auf dem Schoß der Schwester. Sie ist liebevoll mit ihm. Ich lasse sie mit Josef allein. Schließe die Tür.

Bin unruhig. Innerlich. Laufen, denke ich. Laufen. Ich gehe los. Uli zu Hause. Möchte die Schwester nicht allein lassen. Ich laufe und laufe. Tränen über meinem Gesicht. Menschen nehme ich nicht wahr. Nur den Herbst. Den Duft. Die Blätter.

Zu Hause. Es klingelt. Der Sauerstoffmann. Die Tonne. Die Treppe runter. Es zischt. Wieder hoch. Ab in die Ecke.

Es klingelt die Physiotherapeutin. Dreht und wendet Josef. Viel Sekret. Worte sagt sie. Ich nehme sie nicht mehr richtig wahr. Eine andere Familie. Höre ich. Zu der muss sie. Es geht dem Kind dort viel schlechter. Ich lasse die Worte an mir vorbeiziehen. Schenke ihnen keine Bedeutung. Versuche es. Annehmen, mein Josef. Annehmen. Sie ist wie sie ist. Die Physiotherapeutin. Josef schläft. Schläft und schläft.

Ich hole Klara ab. Vom Hort. Zu Hause. Tee. Kaffee. Kakao. Kekse. Die Schwester gibt mir Josef. Sagt, er ist sehr entspannt heute. Es geht ihm besser. Ja, sage ich. Das scheint so. Verabschiede sie.

Möchte sie mich trösten? Möchte sie Lob für ihre Arbeit? Möchte sie mir sagen, Josef ist noch zu retten? In meinem Kopf. Gedanken. Loslassen die Gedanken. Sie ist wie sie ist. Die Schwester. Annehmen. Aushalten.

Es klingelt. Das SAPV-Team. Josef in meinem Arm. Wir möchten es noch einmal genau wissen. Was wurde besprochen in dem Gespräch über uns? Ohne uns? Mit dem Pflegedienst?

Unsicherheiten wurden besprochen. Unsere. Unsicherheiten der Pflegekräfte. Vorgeschlagen wurde, sie können hospitieren. Im Kinderhospiz. Den Umgang mit Krisen schulen.

Die Pflegekräfte möchten das nicht. Uns Eltern wurde zugeschrieben, wir sind unsicher. Mit der Entscheidung für Josef. Besonders ich strahle Unsicherheit aus. Konkret? Gab es etwas Konkretes? Frage ich. Nein. Es war eher ein Gefühl der einen Schwester. Der Schwester.

Einatmen und Ausatmen. In mir. Wut. Um was geht es? Um Macht? Ohnmacht? Angst vor dem Tod? Um Deutungshoheiten? Über unser Leben? Unsere Entscheidung für Josef? Wie sehr muss ich mich noch anpassen? Wie sehr noch?

Wie kann ich mich schützen? Noch mehr? In dieser Situation? In dieser existenziellen haltlosen Situation? Wie kann ich ganz für meine Kinder da sein, wenn ich immer befürchten muss, Bewertungen und Zuschreibungen ausgesetzt zu sein?

Immer auf den Anderen achten muss. Darauf achten muss, den richtigen Eindruck zu hinterlassen. Damit mir die Entscheidungsfähigkeit nicht abgesprochen wird. Wie soll das gehen?

Die Ärztin. Sagt, wir sind bei ihnen. Stehen neben ihnen. Wir haben für sie gesprochen. Auch das Kinderhospiz. Okay. Okay. Okay. Sie verabschieden sich. Ich halte meinen Josef. Er ist ganz schlapp. In meinem Arm.

Dann. Denke ich. Ist es nicht Ausdruck der Ambivalenzen? Die Ambivalenzen in solch einer Sterbesituation? Ambivalenzen. Ist es nicht normal? Und der Konflikt ist nur ein Abbild. Eine Übertragung. Eines normalen Gefühls in dieser Situation. Einatmen und Ausatmen.

Wir essen Abendbrot. Kinderfernsehen in unserem Schlafzimmer. Klara liest vor. Wir machen ihr das Hörspiel an. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 80. Sauerstoffsättigung 90.

Es klingelt. Die Schwester. Wir gehen ins Bett. Schlaf.

Veröffentlicht am: 22.09.2019


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