639 | Um 6.30 Uhr bin ich wach.

Dann. Werden Luftballons steigen gelassen. Für unsere Kinder. Mit Wünschen. Rosa Luftballons. Manche verfangen sich in den Bäumen. Was das wohl zu bedeuten hat? Die verfangenen Luftballons in den Bäumen. Verfangene Wünsche?

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640 | Es ist 6.20 Uhr. Ich bin wach

Die Hoffnung. Schleicht sich an. Macht sich breit. Bis wir erfüllt davon sind und planen. Es tut gut. Als bräuchten wir sie. Die Hoffnung. Als funktioniert das Leben ohne Hoffnung nicht. Ohne Planen. Ohne Mut.

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641 | Um 6.30 Uhr schalte ich den Wecker aus.

Ich habe das Gefühl, bei uns kehrt Ruhe ein. Keine fremden Menschen in unserer Wohnung. Seit zwei Wochen. Wir erobern uns unser Zuhause zurück. Bis Josef wieder ganz und gar einzieht.

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642 | Ich bin wach. Hellwach.

Ein Gefühl von Normalität zu haben. In einer Welt außerhalb von. Jeglicher Normalität. Ich versuche, den Boden unter meinen Füßen zu spüren. Mit Josef im Arm. Meinem schwebenden Josef.

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643 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Es tut mir leid für sie. Sie setzt Josef auf ein Lagerungskissen. Merkt, dass er nicht kann. Nicht reagiert. Versucht, es sich nicht anmerken zu lassen. Wie schwer es für sie ist.

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644 | Es ist 6.30 Uhr. Der Wecker klingelt.

Uli spricht den Klinikleiter an. Sagt, wir sind es. Mit Josef. Ja, sagt der Klinikleiter. Ja. Er schaut Josef an. Berührt ihn sanft. Bedacht ist er. Sagt, Josef hat uns alle sehr beeindruckt.

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645 | Um 6.40 Uhr bin ich wach.

Wir erzählen. Lachen. Wissen nicht warum. Lachen, weil es dran ist. Auch mal das Lachen. Klara und die Familienbegleitung gehen auf den Hof. Malen ein riesiges Bild. Mit Straßenkreide. Es ist bunt. Hell. Schön.

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646 | Es ist 6.45 Uhr. Ich bin wach.

Josef, mein Josef. Vertrauen. Heißt das auch Loslassen? Loslassen von den vielen Gedanken? Den kreisenden Gedanken? Heißt es einlassen? Vertrauen? Auf dich, mein Josef?

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647 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Was erwarte ich denn? Was? Dass alle Menschen ihre eigene Betroffenheit ablegen? In der Begegnung mit mir? Mit uns? Und. Trotzdem habe ich keine Energie dafür. Zu trösten. Verständnis zu haben.

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648 | Vor dem Weckerklingeln bin ich wach.

Er wird sterben. Da ist dieser Satz, vor dessen Wirkung ich mich nicht schützen kann. Der in mir hallt. Wie eine Gewissheit. Von der ich behaupte, sie zu haben. Diese Gewissheit. Das Wissen darum. Das Spüren.

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649 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Habe das Gefühl, Josef verraten zu haben. Mir laufen Tränen. Ich schäme mich. Dafür. Und dann. Habe ich keine Kraft dafür. Gerade. Für die Betroffenheit der Anderen. Schon aufgebraucht. Meine Energie dafür. In dieser Woche.

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650 | Ich bin wach. Schalte den Wecker aus.

Er schläft. Ist sediert. In einer anderen Welt. In seinem Körper. Viele Medikamente. Medikamente, die ihn beruhigen. Ihn schlafen lassen. Ihm die Krämpfe nehmen. Sie ihn nicht spüren lassen. Schmerzen nehmen sie auch.

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651 | Ich schalte den Wecker aus. Es ist 6.20 Uhr.

Wir wissen es nicht. Wissen einfach nicht in welchem Zustand sich Josef befindet. Schläft er? Ist er wach? Nicht mehr zu unterscheiden. Sie gehen ineinander über. Die Zustände. Schlafen. Wachsein. Schweben. Schweben. Dazwischen. Darin.

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652 | Wach. Es ist 6.00 Uhr.

Versuche, zu atmen. Die Luft durch meine Lunge strömen zu lassen. Es gelingt mir besser. Ob ich es Josef beibringen kann? Das Atmen? Mit ihm üben? Ach, denke ich. Ach. Sie hört nicht auf. Meine Fürsorge für meinen Josef.

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653 | Es ist 8.30 Uhr. Ich bin wach.

Die Ärztin kommt zu uns. Ist gerade im Haus. Streicht mir über den Arm. Sagt, Josef ist schon weit weg. Ich weiß, sage ich. Ich weiß. Mein Herz. Schmerzt. Schnürt sich nicht so fest zu. Wie sonst. Bei den Worten. Bewegung zulassen.

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654 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Zu Hause gelten andere Regeln. Die wir brauchen. Um uns halten zu können in den verschiedenen Rollen. Damit wir nicht verschwimmen. Nicht mehr wissen, was wer wie wem wo sagt. Und meint.

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655 | Um 6.10 Uhr bin ich wach.

Gewissheit. Langsam schleicht sie sich an. Die Gewissheit. Über seinen Zustand. Über Josef. Lässt sich nicht mehr umdeuten. Schöndenken. Umdenken. Sie nimmt langsam Platz, die Gewissheit. Dass.

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656 | Ich bin wach. Es ist 6.15 Uhr.

Uli und ich. Wir sitzen in der Wohnküche. Wissen. Jetzt gerade findet ein Gespräch statt. Zwischen dem Pflegedienst und der Palliativärztin. Es fühlt sich nicht gut an. Ein Gespräch über uns. Nicht mit uns.

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