633 | Um 7.00 Uhr bin ich wach.

, Kinderhospiz

Um 7.00 Uhr bin ich wach. Klara liest. Guten Morgen Klara, sage ich. Morgen, murmelt Klara. Ich schaue auf mein Handy. Kein Anruf. Uli schläft noch. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Kaltes Wasser.

Ich freue mich. Auf Josef. Ihn halten zu dürfen. Zu küssen. Ihm von dem Urlaub zu erzählen. Gleichzeitig spüre ich die Anspannung. Mein Herz schlägt schneller. Ich gehe an den See. Setze mich auf den Steg. Meine Füße im Wasser.

Uli kommt. Setzt sich zu mir. Wir sind still. Reden dann doch. Leise. Wollen bald losfahren. Den Einkauf noch erledigen. Auf dem Rückweg. Ich gehe wieder rein. Bereite das Frühstück vor. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Wir frühstücken draußen.

Die Herbergsmutter kommt zu uns. Erzählt ein wenig von sich. Es ist angenehm. Nach dem Frühstück packen wir die Sachen in unser Auto. Winken dem See. Den Bergen. Wissen, wir kommen nicht noch einmal hierher. Wissen es einfach.

Ich rufe im Kinderhospiz an. Sage, wir sind auf dem Rückweg. Kommen. Frage nach Josef. Gestern Abend hatte Josef einen großen Krampfanfall. Die Nacht war mäßig. Er krampfte im Schlaf. Kein Fieber. Josef ist sehr erschöpft und schlapp. Okay, sage ich. Okay. Wir kommen. Macht in Ruhe, sagt die Schwester. Wir passen auf. Danke, sage ich. Danke.

Mein Herz schlägt bis zum Hals. Ich hoffe. Da ist sie wieder. Die Hoffnung. Josef hält durch. Wartet auf uns. Bis wir da sind. Josef, mein Josef. Ich bin unruhig.

Das schlechte Gewissen macht sich breit. In mir. Sagt, ihr seid einfach in den Urlaub gefahren. Habt Josef allein gelassen. Ich schiebe es weg. Sage, halte still. Du hilfst nicht. Schiebe es weg. Schubse es aus meinem Kopf. So gut es geht. Einatmen und Ausatmen.

Ich hoffe, wir kommen rechtzeitig. Hoffe. Hoffe. Hoffe. Die Schwester hat nichts von Eile gesagt. Hat nicht gesagt, kommt sofort. Hat nicht gesagt, Josef stirbt jetzt. Einatmen und Ausatmen. Immer wieder sortieren. Was bedeutet was.

Wir sind da. Es ist 12.30 Uhr. Stellen das Auto ab. Gehen ins Kinderhospiz. Josef schläft. Er liegt in seinem Bett. Auf dem Bauch. Über dem Stillkissen. Herzfrequenz 130. Sauerstoffsättigung 93. Alles gut, denke ich. Ich küsse Josef. Streichele seine schönen Locken.

Die Schwester kommt. Sagt, da sei ihr ja schon. Josef ist stabil. Auf einem niedrigen Niveau. Heute Vormittag hatte er keine Atemaussetzer. Okay. Okay. Okay. Wir bleiben noch eine kleine Weile. Klara ist bei den Geschwisterkindern im Jugendzimmer. Sie schmieden Pläne für die letzte Ferienwoche.

Uli und ich wir gehen in unsere Wohnung. Begrüßen die Katze. Sortieren unsere Sachen. Ich wasche Wäsche. Wir fahren einkaufen. Ich fühle mich sicher. Wir sind da. Josef ist im Kinderhospiz. Klara auch. Wir haben unsere Wohnung für uns. Dennoch Josef ganz nah. In Sicherheit. Wissen, nichts wird passieren ohne unsere Zustimmung. Einatmen und Ausatmen.

Am Nachmittag sind wir bei Josef. Er ist wach. Ich küsse ihn. Halte Josef in meinem Arm. Wie setzten uns in den Garten. Gäste sind da. Pfleger. Schwestern. Eltern. Ein Kind und ihre Eltern kennen wir. Vom letzten Jahr. Wir erzählen. Es ist schön und vertraut. Wir verabreden uns. Wollen an einem Abend zusammen Essen gehen.

Josef, mein Josef. Es ist so schön, ihn halten zu dürfen. Ihn zu spüren. Josef bekommt Tee. Medikamente. Wird inhaliert. Abgesaugt. Er ist sehr schläfrig. Selten hat er Atemaussetzer. Heute Nachmittag. Zum Abendbrot gehen wir in den Gemeinschaftsraum. Ich begrüße die anderen Gäste. Freue mich.

Alle sind noch da. Nur ein Kind nicht. Es ist in einer Pflegefamilie. Wie schön. Wie schön. Nach dem Abendessen inhaliere ich Josef. Uli saugt ihn ab. Ich lege Josef auf meine Brust. Wir atmen. Jeder für sich. Jeder für sich, mein Bär. Jeder für sich. Klara ist im Garten. Mit den Geschwisterkindern. Sie spielen Fußball. Haben ihre Geheimnisse vor uns. Das ist gut.

Ich lege Josef in sein Bett. Küsse ihn. Schalte den Monitor an. Herzfrequenz 100. Sauerstoffsättigung 93. Wir geben der Schwester Bescheid. Verabschieden uns. Klara nehmen wir mit.

Zu Hause. Wir lassen alle Türen offen. Die Katze springt durch die Wohnung. So viel Lebendigkeit. Zu viel manchmal. Zu viel. Ich bringe Klara ins Bett. In unser Bett. Sie möchte noch etwas lesen. Hörspiel macht sie sich selber an, sagt sie. Ich küsse sie. Schlaf gut, meine Klara. Schlaf gut.

Ich setze mich in Josefs Zimmer. Sein Bett ist leer. Ich lege mich in sein Bett. Tränen. Stehe auf. Gehe ins Wohnzimmer. Setze mich zu Uli. Irgendwann gehen wir ins Bett. Schlaf.

Veröffentlicht am: 24. 08. 2019


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