422 | Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr.

, Zu Hause 1

Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr. Klara schläft. Ich sehe sie kaum. So eingekuschelt ist sie in ihrer Decke. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Ich höre Josef. Seine angestrengte rauschende Morgenatmung. Ich wasche mich. Draußen ist es dunkel. Kein Regen.

Ich gehe ins Wohnzimmer. Josef liegt im Arm der Schwester. Ich streichele seine Locken. Küsse ihn. Frage die Schwester nach der Nacht. Gegen 1.00 Uhr war Josef kurz wach. Sonst schlief er ruhig durch. Die Vitalwerte waren im Normbereich. Temperatur 36,8. Gut, sage ich. Gut. Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee.

Gehe wieder ins Wohnzimmer. Nehme Josef in den Arm. Josef seufzt dabei ganz leicht. Fast unhörbar. Ich küsse ihn. Die Schwester spült die Inhalette aus. Verabschiedet sich. Ich setze mich mit Josef auf das Sofa. Kuschel ihn ein. Küsse ihn. Immer wieder. Genieße es. Mit Josef allein zu sein.

Uli kommt. Sieht verschlafen aus. Setzt sich zu uns. Es wird hell draußen. Die Sonne. Sie wird heute scheinen. Aus dem Schlafzimmer höre ich den Fernseher. Klara ist wach. Ich lege Josef mit seinem Bauch auf meine Knie. Ich helfe ihm mit meinen Händen beim Atmen.

Wir reden. Leise. Ruhig. Besprechen, was wir alles noch erledigen müssen. Uli schreibt es auf einen Zettel. Streicht Punkte durch. Schreibt neue dazu. Josef schläft wieder ein. Seine Atmung beruhigt sich. Dann ist sie ganz leise. Seine Atmung. Wie er das nur immer macht. Mein Josef. Plötzlich ist seine Atmung ganz ruhig.

Uli deckt den Frühstückstisch. Schiebt Brötchen in den Ofen. Ich lege Josef vorsichtig in sein Bett. Decke ihn zu. Küsse seinen Kopf. Wir frühstücken. Klara zieht sich in ihr Zimmer zurück. Hört Hörspiel. Malt. Ist ganz für sich.

Josef wird wieder wach. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Küsse ihn. Immer wieder. Ich setzte Josef in seinen Therapiestuhl. Gebe ihm seinen Morgenbrei. Medikamente und Tee. Dann ziehen wir uns an.

Uli packt eine Absauge ein. Wir gehen spazieren. Eine kleine Feldrunde. Klara kommt mit. Fährt mit ihrem Fahrrad. Immer vor und zurück. Ich trage Josef. Ganz dich an meiner Brust. Küsse ihn. Immer wieder. Ein Abschiedspaziergang. So fühlt es sich an.

Uns kommt ein Mann entgegen. Mit seinem Hund. Seiner Frau. Einem Kinderwagen. Wir kennen uns. Vom Sehen. Nun ist es da. Das Kind. Denke ich. Alles gut gegangen. Wie so oft. Oft geht ja alles gut. Nur bei uns. Da ging es nicht. Gut. Einatmen und Ausatmen. Es schmerzt. Schmerzt. Und schmerzt. Ich grüße. Freundlich. Als sie vorbei sind, laufen mir Tränen über die Wangen. Einatmen und Ausatmen.

Zu Hause. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich gebe Josef seinen Mittagsbrei. Tee. Medikamente. Küsse ihn. Habe ein schlechtes Gewissen. Wegen der Tränen. Kann ich anderen Menschen ihr Glück nicht mehr gönnen? Ist es zu schmerzhaft? Nicht zu ertragen? Die Freude? Das Glück anderer Menschen mit ihren gesunden Kindern?

Ich schäme mich. Und doch ist er da. Der Schmerz. Der Schmerz und die Traurigkeit um das Verlorene. Hat doch nur mit mir zu tun. Der Schmerz. Nicht mit den glücklichen Menschen und ihren Kindern. Einatmen und Ausatmen.

Die anderen Menschen können doch nichts dafür. Es ist doch mein Schmerz und meine Traurigkeit. Die Platz brauchen. Sie sind ja da. Die Traurigkeit und der Schmerz. Ab und zu. Kommen sie zu Besuch. Nehmen Platz. Manchmal kommen sie stürmisch. Treffen mich unvorbereitet. Einatmen und Ausatmen.

Am Nachmittag schauen wir einen Film. Einen Märchenfilm. Mit Klara. Lassen die Kisten stehen. Packen nicht. Heute nicht. Es ist Sonntag. Josef, mein Josef. er schläft auf mir ein. Wir atmen zusammen. Das ist schön. Ich bin glücklich. Schiebe den Schmerz weg. Lang genug warst du da heute. Schmerz.

Uli deckt den Abendbrottisch. Josef schläft. Ich lege ihn vorsichtig auf das Sofa. Das Stillkissen um ihn herum. Wir essen. Josef schläft. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn vorsichtig ab.

Ich ziehe Josef um. Er schläft. Ist ganz entspannt. Hat kaum Körperspannung. Wir schauen zusammen Kinderfernsehen. Josef wird wieder wach. Wird inhaliert. Abgesaugt. Ich gebe ihm seinen Brei. Tee. Medikamente.

Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Josef schläft wieder ein. In meinem Arm. Träumt sich weg. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 95.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir gehen ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 25.01.2019


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