Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Ich stehe auf. Gehe leise ins Bad. Wasche mich. Ziehe mich an. Uli ist wach. Steht auf. Klara schläft noch. Zusammen gehen wir in den Gemeinschaftsraum. Der Kaffee dampft. Der Nachtdienst hat ihn gerade frisch gekocht.

Ein Brötchen wurde aufgebacken. Für mich. Ich bin gerührt. Mit Genuss esse ich das warme Brötchen mit Käse. Mein Sonntagsbrötchen.

Dann gehen wir zu Josef. Er schläft noch. Herzfrequenz 123. Sauerstoffsättigung 94. Ich streichele seine Hand. Sie zittert leicht. Manchmal zittert sie leicht. Seine kleine Hand. Als sage sie, ich spüre dich, Mama. Ich halte sie. Seine kleine Hand. Das Zittern hört auf. Ich bin ganz bei ihm. Bei meinem Josef.

Die Nachtschwester kommt. Wundert sich, warum Uli schon auf ist. Sagt, Josef hat viel geschwitzt. Musste öfter inhaliert werden. Seit ca. einer Stunde schläft er wieder. Gut, sage ich. Gut. Dann verabschiede ich mich. Von Josef. Von Uli. Der Nachtschwester. Mir fällt es schwer heute. Zu gehen.

Trotzdem gehe ich los. Uli geht wieder ins Bett. Zu früh heute. Es ist ja Sonntag. Ich fahre mit der Straßenbahn zum Bahnhof. Es ist dunkel. Kalt. Herbst. Es sind kaum Menschen unterwegs. Sind alle noch in ihren Betten. Mit dem Zug fahre ich in die Stadt. Begegne Kollegen in der Bahn. Wir sind still miteinander. Sprechen leise. Wenn wir sprechen.

Im Seminar setze ich mich ans Fenster. Das Telefon immer griffbereit. In der Pause rufe ich bei Uli an. Frage. Gut, sagt Uli. Alles gut. Geschlafen hat er noch ein wenig. Klara ist mit den Geschwisterkindern beim Musiktherapeuten. Josef schläft wieder. Keine Temperatur. Alles gut. Für unsere Verhältnisse ist es gut, sagt Uli.

Und was sagen sie über die Schwester, frage ich. Naja. Sagt Uli. Die Schwester hat Angst. Traut es sich nicht. Zu. Sie hat gesagt, wenn sie ehrlich ist. Ist es ihr zu viel. Okay, sage ich. Es ist gut, dass sie ehrlich ist. Das ist gut. Ihre Ehrlichkeit ist mutig.

Mir laufen Tränen. Ich weiß nicht warum. Wegen ihrer Ehrlichkeit. Weil es mich rührt. Das sie ehrlich ist. Sich und uns ernst nimmt. Sie ist ein mutiger Mensch. Einatmen und Ausatmen.

Heute kommt wieder eine Schwester, sagt Uli. Gut, sage ich. Nicht die Hoffnung verlieren, sage ich. Ja, sagt Uli. Wir umarmen uns durchs Telefon. Küsse für Josef und Klara.

Der Nachmittag ist zäh. Bewegend und zäh. So wie es wohl ist. In der Selbsterfahrung. Manchmal ist sie zäh. Nach dem Seminar eile ich zum Bahnhof. Kollegen mit mir. Bis in die Stadt fahren wir zusammen. Erzählen. Auch über das Kinderhospiz. Über Josef. Klara. Das Leben. So.

Im Kinderhospiz. Uli sitzt mit den Schwestern und Josef im Gemeinschaftsraum. Die Pflegedienstschwester hält Josef im Arm. Sie wird eingearbeitet. War noch nicht bei uns zu Hause. Sie hält Josef liebevoll. Bedacht. Sagt, sie hat in der Klinik gearbeitet. Auf der Wachstation mit Kindern. Wie Josef.

Ein wenig kennt sie sich aus, sagt sie. Neugierig ist sie. Darüber freue ich mich. Über ihre Offenheit und Neugierde auf Josef. Ich nehme meinen Josef. Küsse ihn. Halte ihn. Spüre seinen kleinen warmen Körper. Spüre seine angestrengte Atmung. Dann gebe ich ihr meinen Josef. Die Kinderhospizschwester und Pflegedienstschwester ziehen sich mit Josef zurück. In sein Zimmer.

Klara finden wir im Jugendzimmer. Wo auch sonst? Heute dürfen wir ein wenig bei ihnen sitzen. Zusammen einen kleinen Film schauen. Dann gehen wir noch einmal zu Josef. Josef liegt im Arm der Pflegedienstschwester. Schläft ein. Ich streichele seine Hand. Küsse ihn. Würde ihn gern nehmen. Meine Josef. Aber die Schwester. Muss doch lernen. Muss. Muss doch Josef kennenlernen. Wie viele Menschen wohl noch, mein Josef? Wie vielen Menschen muss ich dich wohl noch hergeben? Einatmen und Ausatmen.

Wir holen Klara aus dem Jugendzimmer ab. Gehen ins Elternzimmer. Ich lese Klara vor. Wir kuscheln. Mir laufen Tränen. Klara schläft in meinem Arm ein. Lange liege ich wach.