Der Wecker klingelt um 6.00 Uhr.

Ich stehe leise auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Ziehe mich an. Uli und Klara schlafen. Mit meinen Sachen gehe ich aus dem Zimmer. Schließe leise die Tür. Aus dem Gemeinschaftsraum hole ich mir einen frischen Kaffee. Der Nachtdienst hat ihn gekocht. Er ist ganz heiß. Der Kaffee.

Ich gehe den Gang entlang. Rechts. Zu meinem Josef. Er schläft noch. Mein Bär schläft noch. Herzfrequenz 98. Sauerstoffsättigung 95. Ich streichele seine Hand. Seinen Kopf. Seine Wange. Küsse seine schöne Wange. Auf der kein Pflaster mehr klebt. Keine Nasensonde befestigt sein. Wie schön das ist. Wie schön du bist. Mein Josef.

Die Nachschwester kommt zu mir. Streicht mir über den Rücken. Sagt, Josef hat durchgeschlafen. Alles gut. Schön, sage ich. Mir laufen Tränen. Einfach so. Laufen Tränen. Einatmen und Ausatmen.

Wir sind still. Ich halte Josefs Hand. Küsse ihn.

Dann gehen wir zusammen los. Die Schwester macht Feierabend. Ich fahre durch die Stadt. In eine andere Stadt. Zum Seminar. Tauch ein. In eine andere Welt. Ich komme dort an. Wir sind in einer kleinen Runde. Kann mich nicht verstecken. Zwischen den vielen Menschen. Heute und morgen sind die Runden klein. Heute und morgen zeigen wir uns. Zeigt jeder von uns. Ein Stückchen oder mehr. Heute und morgen.

Ich hole mir einen heißen Tee. Aus der Seminarküche. Kekse gibt es. Brezeln. Kuchen. Äpfel. Bananen. Wir sitzen nicht an Tischen. Hinter mir ist das Fenster. Dort kann ich meine Dinge abstellen. Mein Telefon immer griffbereit. Eine lange Weile brauche ich. Zum Ankommen. Einlassen. Öffnen.

In der Pause rufe ich Uli an. Frage, wie es geht. Wie es ihm geht? Josef? Und Klara. Gut, sagt Uli. Gut geht es ihm. Josef auch. Er hat eine rote Stelle am Bauch. Von der PEG Sonde. Es verblasst langsam. Das Sekret ist etwas zäh und gelb. Kein Fieber. Alles im Normbereich. Klara ist mit den Geschwisterkindern beim Musiktherapeuten. Sie haben Spaß.

Ich freue mich. Für Klara. Nachher wird eine Schwester vom Pflegedienst kommen. Zum Lernen, sagt Uli. Gut, sage ich. Das ist doch gut. Wir umarmen uns durchs Telefon. Der Nachmittag im Seminar ist intensiv. Er vergeht schnell. Dann eile ich zum Bahnhof. Nehme die Menschen um mich kaum wahr. Bin ganz bei mir. Mit meinen Gedanken. Gefühlen. Irgendwann.

Irgendwie bin ich im Kinderhospiz angekommen. Uli sitzt im Gemeinschaftsraum. Wir umarmen uns. Ich öffne mich. Hier kann ich mich öffnen. Josef ist bei den Schwestern, sagt Uli. Klara im Jugendzimmer. Wir gehen zu ihnen.

Die Pflegedienstschwester hält Josef. Sie wirkt unsicher. Ihr Blick sagt, ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Ich streiche ihr über den Arm. Nehme ihr Josef ab. Küsse ihn. Mein Josefbär. Ich gebe ihr meinen Josef. Zeige ihr, wie sie ihn am besten halten soll. Wie es gut für ihn ist.

Sie versucht es. Es fällt ihr schwer. Sich einzulassen. Hab keine Angst, möchte ich sagen. Sage es nicht. Die Kinderhospizschwester ist zugewandt. Liebevoll. Mit Josef und der Schwester vom Pflegedienst. Ich küsse Josef noch einmal. Wünsche eine gute Nacht. Eine gute und ruhige Nacht.

Dann setzen wir uns zu Klara und den Kindern ins Jugendzimmer. Wir stören. Das sagen sie ganz deutlich. Sie wollen Pläne schmieden. Vielleicht eine Band gründen. Mit dem Musiktherapeuten. Wir sollen doch gehen. Bitte. Ich umarme Klara. Flüchtig. Sage, um neun im Elternzimmer. Dann ziehen wir uns zurück. Aus dem Jugendzimmer. Von der Station.

Gehen ins Elternzimmer. Wir reden. Uli und ich. Was ist wenn? Wenn die Schwestern nicht mehr kommen? Sie sich es nicht zutrauen mit Josef? Mit uns? Was ist dann? Zutrauen. Was ist dann? Wenn die Angst bleibt? Nicht weniger wird? Was ist dann? Bleiben wir hier? Warten? Auf was? Einatmen und Ausatmen.

Klara kommt. Es ist 21.00 Uhr. Sie ist müde. Glücklich und müde. Wie schön das ist. Sie so glücklich zu erleben. Wie ein großes Abenteuer. Ist das hier im Kinderhospiz. Ein großes Abenteuer. Ich lese Klara vor. Wir kuscheln. Hören ein Hörspiel. Sie schläft in meinem Arm ein. Irgendwann schlafe auch ich. Den Gedankenkreis unterbrochen.