513 | Um 7.00 Uhr klingelt der Wecker.

, Zu Hause 2

Um 7.00 Uhr klingelt der Wecker. Mein Herz klopft schnell. Einatmen und Ausatmen. Ich setze mich. Klara schläft. Uli ist wach. Er schaut mich an. Ich nicke.

Stehe auf. Mir ist schwindelig. Ich gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Einatmen und Ausatmen.

Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Gehe auf den Balkon. Den Fuchs habe ich lange nicht mehr gesehen. Schade, denke ich. Schade.

Ich gehe in Josefs Zimmer. Er schläft. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 98. Die Schwester sitzt auf dem Sofa. Sagt, Josef war gegen 1.00 Uhr wach. Das Sekret ist sehr zäh. Kein Fieber und keine Krämpfe. Gut, sage ich. Gut.

Ich streichle seinen schönen Kopf. Küsse ihn. Sein Kopf riecht so gut. Josef riecht so gut. Nach Josef. Die Schwester verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Ich hole mir einen Kaffee. Öffne das Fenster. Die Vögel zwitschern. Der Flieder blüht. Es duftet herrlich nach Frühling. Einatmen und Ausatmen.

Josef, mein Josef. Kannst du ihn riechen? Den Frühling? Josef wird wach. Ich schalte den Monitor aus. Nehme Josef vorsichtig aus seinem Bett. Küsse ihn. Für Küsse mein Josef ist immer Zeit.

Uli kommt. Bereitet die Inhalation vor. Weiß genau, was zu tun ist. Wir brauchen keine Worte mehr. Manchmal. Ich inhaliere Josef.

Uli steht am Fenster. Grüßt den Hauswart. Schließt das Fenster. Uli saugt Josef ab. Ganz vorsichtig. Er kann es gut. Viel besser als ich. Uli fädelt den Katheter durch Josefs Nase. Er baut den Druck im Katheter auf, indem er auf den Fingertip drückt. Dann zieht er ihn leicht drehend vorsichtig aus der Nase.

Josef lässt es über sich ergehen. Reagiert manchmal gar nicht. Manchmal dreht er sich weg, weil der Reiz so groß ist. Josef, mein Josef. Ich küsse Josef. Immer wieder. Frühling, mein Bär. Frühling.

Uli deckt den Frühstückstisch. Ich ziehe Josef vorsichtig an. Küsse seine Hände. Füße. Seinen Bauch. Seine Nase. Seine Stirn. Seinen Mund. Wir sind still heute morgen. Still.

Klara kommt. Ich setze Josef in den Therapiestuhl. Gebe ihm vorsichtig seinen Morgenbrei. Tee. Medikamente. Halte seine Hand. Wir hören Radio. Sonntagsrätsel. Ich entspanne mich ein klein wenig. Mein Herz schlägt wieder ruhiger.

Josef schlummert ein. Seine Augen sind halb geschlossen. Ich verstelle den Therapiestuhl. Kuschle Josef ein. Schiebe ihn an das Balkonfenster. Frischlufttherapie.

Klara holt ihre Matheaufgaben. Wir gehen einige Aufgaben durch. Ich spüre meine Ungeduld. Bitte Uli, weiterzumachen. Klara, meine Klara. Ich umarme sie. Sage, es tut mir leid. Schon gut, sagt sie. Schon gut. Einatmen und Ausatmen.

Mehr Platz für Klara schaffen, denke ich. Mehr Platz in mir. Ich setze mich auf den Balkon. Auf die Hollywoodschaukel. Mir laufen Tränen.

Josef wird wach. Ich inhaliere. Uli saugt ab. Wir setzen uns alle auf den Balkon. Eingekuschelt in eine Decke. Klara liest uns vor. Es ist schön. Josef liegt zwischen uns. Uli sitzt auf einem Stuhl. Lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen.

Am Nachmittag gehen wir spazieren. Mit Josef und Klara. Eine kleine Gartenrunde. Es tut gut. Die Bewegung tut gut. Wir setzen uns ins Gartenlokal. Ich halte Josef in meinem Arm. Tee. Medikamente. Wir trinken Saft und Brause. Bleiben nicht lange.

Auf dem Rückweg halten wir im Kinderhospiz an. Gehen in den Garten. Ein Vater ist da. Mit seinem Sohn. Wir reden. Kurz. Kurze Sätze. Vielsagende Blicke. Klara verschwindet im Kinderhospiz. Die Geschwisterkinder sind noch da. Klara bleibt noch.

Wir gehen nach Hause. Inhalation. Absaugen. Das Sekret ist zäh. Fest und zäh. Wir inhalieren öfter. Hoffen, das Sekret flüssiger zu bekommen. Einatmen und Ausatmen.

Ich halte Josef. Küsse ihn. Denke, wie anders es ist. Mein Josef. Ihn zu spüren. Dann. Zu denken. Was zu tun ist. Auf was wir achten müssen. Das Spüren und Kuscheln nie frei ist. Von der Anspannung. Von den Gedanken, auf was alles zu achten ist.

In der Erwartung vor der Erwartung. Einer Krise. Eines Krampfes. Atemnot. Der Kopf immer in Bereitschaft. Jede Sekunde kann sich der Zustand von Josef verändern. Drastisch verändern.

Klara kommt. Sie ist glücklich. Ich freue mich. Bin so froh. So froh über ihr Glück. Wir essen Abendbrot. Ich gebe Josef seinen Abendbrei. Tee. Medikamente. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab.

Wir schauen zusammen Kinderfernsehen. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Küsse ihn. Halte ihn in meinem Arm. Lege ihn mir auf meine Brust. Josef schläft ein.

Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 93.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir erzählen vom Tag. Gehen ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 26.04.2019


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