, Zu Hause 2

Ich bin wach. Es ist 6.15 Uhr. Schalte den Wecker aus. Die Katze schaut mich an. Kuschelt sich dann wieder ein.

Klara liegt zwischen Uli und mir. Ihre Decke hat sie von sich gestrampelt. Sie atmet unhörbar. Gleichmäßig und unhörbar. Selbstverständlich. Atmen. Das Selbstverständlichste auf der Welt. Nur für Josef nicht.

Ich stehe auf. Die Tür klappert. Ich warte. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Gehe auf den Balkon.

Es wird schön heute. Ein schöner Julitag. Klara hat bald Geburtstag. Daran denke ich. Vor acht Jahren war ich mit Klara schwanger. Es war alles gut. Es wurde alles gut. Weil es ja fast immer gut geht. Fast immer.

Ich schiebe den Gedanken weg. Die Traurigkeit. Verbitterung. Ist es Verbitterung? Schäme mich. Weil ich nicht verbittert sein möchte. Traurig bin ich. Traurig, weil es mit Josef nicht gut ging.

Klara. Klara. Es ist Klaras Geburtstag. Bald. Klaras. Aufpassen, dass ich Klara nicht vergesse. Sich Josef nicht vor Klara schiebt. Einatmen und Ausatmen.

Ich gehe in Josefs Zimmer. Josef, mein Josef. Er schläft. Herzfrequenz 108. Sauerstoffsättigung 96. Die Schwester steht an seinem Bett. Gibt ihm Medikamente. Tee. Durch den Bauchschlauch.

Ich streichele Josefs Kopf. Küsse ihn. Frage nach der Nacht. Es war ruhig, sagt sie. Josef war nur kurz wach. Das Sekret ist sehr zäh. Sie hat ihn öfter inhaliert und abgesaugt. Die Vitalwerte waren in der Norm. Kein Fieber. Keine sichtbaren Krämpfe. Gut, sage ich. Gut.

Die Schwester räumt. Spült. Wechselt aus. Zieht auf. Josef wird wach. Ich schalte den Monitor aus. Nehme ihn vorsichtig aus seinem Bett. Küsse Josef. Guten Morgen, mein Bär. Guten Morgen. Ich lege Josef über meine Knie. Inhaliere ihn. Die Schwester saugt ihn ab.

Dann. Plötzlich. Josef atmet nicht mehr. Seine Augen sind offen. Ganz wach. Er atmet nicht mehr. Ich küsse ihn. Sage, Josef. Josef, mein Josef. Mir laufen Tränen. Josef wird blau. Ganz blau.

Plötzlich. Ein lauter Seufzer. Ein Schrei. Fast. Er atmet weiter. Ich küsse ihn. Halte ihn. Die Schwester saugt ihn ab. Ich halte Josef. Halte und halte ihn. Die Schwester. Streicht mir über den Arm. Ist still. Mit mir. Was auch sagen.

Uli kommt. Langsam fangen wir an. Zu sprechen. So ist es mit Josef. Gehört zu ihm. Wir werden uns gewöhnen. Müssen. Annehmen. Müssen. Annehmen. Halten. Aushalten. Wie? Bloß wie?

Ihr macht es doch schon, sagt die Schwester. Ihr haltet Josef. Die ganze Zeit. Mir laufen Tränen. Du auch, sage ich. Ohne dich. Schon gut, sagt die Schwester. Schon gut. Sie verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Uli deckt den Frühstückstisch. Klara kommt. Macht Pause vom Kinderfernsehen. Wir frühstücken. Hören Sonntagsrätsel. Ich gebe Josef seinen Morgenbrei. Tee. Medikamente.

Dann gehen wir los. Josef in seinem neuen Buggy. Ich spanne ein Tuch über den Wagen. Damit Josef vor der Sonne geschützt ist. Klara fährt mit ihrem Fahrrad. Wir spazieren durch die Heide. Dann durch den Park. Josef schlummert. Seine Augen sind halb offen. Oder zu.

Meine Augen sind immer auf ihn gerichtet. Er atmet. Einatmen und Ausatmen. Hörst du, mein Josef. Einatmen und Ausatmen. Wir setzen uns mit Klara in ein Cafe im Park. Klara trinkt eine Apfelsaftschorle mit Strohhalm. Josef bekommt Tee. Medikamente durch seinen Bauchschlauch.

Am Nachmittag sind wir wieder zu Hause. Es tat gut. Draußen zu sein. Ich halte es nicht mehr so gut aus. Zu Hause zu sein. Immer zu Hause. Gefangen in der Wohnung. Wie in einem Käfig.

Draußen zu sein. Mit den Kindern. Mit Uli. Zu Laufen. Begreifen. Innerliche und äußerliche Bewegung. Das brauche ich. Gerade. So lange es mit Josef geht. So lange werden wir rausgehen. Mutig sein. Mutig. Wann sonst, wenn nicht jetzt? Wann denn sonst? Wir trinken Kaffee. Klara Limo. Kekse. Eis aus dem Kühlschrank.

Josef liegt auf dem Lagerungskissen. Josef atmet nicht mehr. Wird blau. Ich nehme ihn in den Arm. Küsse ihn. Uli saugt Josef ab. Nichts. Kein Sekret hat sich verlegt. Ich küsse und küsse. Josef seufzt. Laut. Atmet weiter.

Dann. Plötzlich atmet er nicht mehr. In meinem Arm. Absaugen. Küsse. Er wird blau. Josef atmet wieder.

Dann. Plötzlich. Josef hört auf. Zu atmen. Halten. Küssen. Absaugen. Halten. Josef seufzt. Laut. Atmet weiter.

Klara schaut fern. Einen Nachmittagsfilm. Wir sind alle zusammen. Ich lege Josef auf meine Brust. Er atmet. Wir atmen zusammen. Uli ruft das SAPV-Team an. Schildert. Aushalten. Einatmen und Ausatmen.

Josef. Hörst du? Einatmen und Ausatmen. Wir essen Abendbrot. Ich halte Josef. Die ganze Zeit. In der Hoffnung. Ach. Hoffnung. Wir schauen Kinderfernsehen. Uli. Bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht das Hörspiel an.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 130. Sauerstoffsättigung 93. Wir gehen ins Bett. Schlafen. Irgendwann.

Veröffentlicht am: 26.07.2019


"Bezahle, so viel du möchtest" ist eine Idee, die wir schon lange haben. 673 Tage, die wir mit Josef erlebt haben. Wir verschenken Texte und Bilder, Tag für Tag. Du kannst zurückschenken! Groß-, Mittel-, Klein- und Kleinstbeträge, alles hilft!

Jetzt Spenden! Das Spendenformular wird von betterplace.org bereit gestellt.

❤️ Mehr darüber, wie du uns unterstützen kannst.