393 | Samstag, der 27. Dezember 2014

Um 7.00 Uhr bin ich wach. Klara schläft. Uli ist wach. Schaut mich an. Guten Morgen, flüstern wir. Bleiben beide noch etwas liegen. Klara wird wach. Schaut mich an. Darf ich fernsehen, fragt sie. Ja, sage ich. Ja. Wir schauen zusammen Kinderfernsehen. Liegen alle noch im Bett und schauen fern.

Nur Josef fehlt, denke ich. Josef fehlt. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Uli steht auch auf. Gemeinsam gehen wir zu Josef. Den Gang entlang. Uli holt Kaffee aus dem Gemeinschaftsraum. Dann rechts.

Josef ist schon wach. Liegt im Arm der Schwester. Josef hat gerade gebadet, sagt sie. Ich nehme ihn. Küsse ihn. Meinen Josef. Nichts Besonderes, sagt die Schwester. Das Sekret ist fester und gelb. Er wurde mehrmals inhaliert und Cortison hat er auch bekommen. So ist der Josef, sagt sie.

Nichts Besonderes. Nichts Besonderes, denke ich. Zu Hause wäre es das schon. Hier gehört es zu Josef. Gehören die Krisen, Infekte und Krämpfe zu Josef. Die Grenze verschiebt sich. Hier. Die Grenze der Wahrnehmung von Josefs Zustand. Seine Bewertung. Die Optionen für das Handeln.

Solange die Schwestern und Pflegern im Kinderhospiz Optionen haben, Josef zu helfen, tun sie es. Ist es nichts Besonderes. Weil sie reagieren können. Nicht hilflos sind. Nicht allein sind. Sie nehmen Josef. So wie er ist. Mit seinen Krisen. Es ist hier nichts Besonderes.

Zu Hause. Da schon. Da schon. Da fühlt es sich schwerer an. Einatmen und Ausatmen.

Wir gehen in den Gemeinschaftsraum. Der Tisch wird gedeckt. Von ehrenamtlichen Menschen. Es gibt heute Rühreier. Mit und ohne Speck. Es duftet wunderbar. Klara kommt. Die Gäste. Pfleger und Schwestern. Eltern.

Es ist ruhig heute. Ab und zu piept ein Monitor. Rauscht die Absauge. Die Ernährungsspritzen werden an die Tischkante geklopft. Ich gebe Josef seinen Morgenbrei. Tee und Medikamente. Dann bekommen wir Besuch. Die Großeltern. Wir sitzen im Gemeinschaftsraum. Sitzen uns erst gegenüber. Die Kinder bekommen Geschenke.

Josef schläft ein. In meinem Arm. Sie gehen spazieren. Eine kleine Runde. Ich bleibe mit Josef im Gemeinschaftsraum. Setze mich in den großen Sessel. Schaue in den Garten. Es ist grau. Draußen. Dann sind sie wieder da. Jemand hat Kuchen gebacken. Wir essen den Kuchen. Trinken heißen Tee. Sitzen. Erzählen. Etwas.

Uli fragt, wollt ihr Josef halten? Ihn spüren? Seine Mutter hält Josef. In ihrem Arm. Ganz lang. Nehmen Verbindung auf. Sind ganz beieinander. Großmutter und ihr Enkel. Klara spielt mit den Geschwisterkindern. Sie verstecken sich im Foyer. Denken sich Geschichten aus. Sind ganz vertieft. Es wird dunkel. Draußen. Der Kuchen ist alle. Der Tee getrunken. Sie verabschieden sich. Die Großeltern. Haben noch einen langen Weg vor sich. Nach Hause.

Josef schläft. Die ganze Zeit. Es läuft kein Sekret. Er sieht fast aus, als wäre er. Gesund. Ein gesunder kleiner Junge. Ist er nicht. Ist er aber nicht. Einatmen und Ausatmen.

Zum Abendessen kommen die Gäste in den Gemeinschaftsraum. Ein neuer Gast ist da. Mit seiner Mutter. Wir begrüßen sie. Zaghaft. Sagen, es ist ein guter Ort. Willkommen. Ich gebe Josef seinen Abendbrei. Josef schläft. Kein Sekret. Langsam sorge ich mich. Wissen wir doch. Das Sekret ist da. Kommt nur nicht raus. Sammelt sich. Wird Josef beim Aufwachen Probleme machen. Atemnot.

Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Kann nur wenig absaugen. Wir übergeben Josef der Schwester. Klara schaut mit den Geschwisterkindern fern. Uli und ich gehen laufen. Kehren ein. Beim Griechen.

Kommen nach anderthalb Stunden zurück. Klara kommt uns im Kinderhospiz entgegen. Sagt nur, Josef. Wir gehen zu ihm. Er liegt im Bett. Bekommt Sauerstoff. Herzfrequenz 180. Sauerstoffsättigung 96. Die Schwester ist bei ihm. Ich nehme ihn aus dem Bett.

Uli fragt, was war. Eine Krise. Der Monitor hat alarmiert. Atemnot. Sekretstau. Sie haben ihn abgesaugt. Inhaliert. Cortison gegeben. Nun ist es besser. Klara hat den Monitor gehört. Kam mit den Geschwisterkindern dazu. Einatmen und Ausatmen.

Uli umarmt Klara. Ich halte Josef. Seine Atmung wird ruhiger. Er schläft ein. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 140. Sauerstoffsättigung 93. Wir gehen mit Klara ins Elternzimmer. Kuscheln uns zusammen.

Klara sagt, ich hatte Angst. Das erste Mal hatte ich Angst. Dass Josef stirbt und ihr seid nicht da. Nur ich. Ganz allein. Uns laufen Tränen. Ich sage, das tut mir leid. Wir wollten dich nicht allein lassen. Das tut mir so leid. Schon gut, sagt Klara. Schon gut. Ist es das, denke ich? Schon gut? Klara schläft in meinen Armen ein. Ich liege lange wach.