, Kinderhospiz

Es ist 6.00 Uhr. Ich bin wach. Es ist dunkel und ruhig. Klara schläft neben mir. Ihren Kopf hat sie zu Uli gedreht. Sie liegt auf ihrem Bauch. Atmet ganz ruhig. Kaum hörbar. Ganz anders als ihr Bruder, denke ich. Ganz anders.

Ich bleibe liegen. Bewege mich nicht. Versuche noch einmal einzuschlafen. Kann es nicht. Um 6.30 Uhr stehe ich auf. Ganz leise. Gehe ins Bad. Ganz leise. Wasche mich. Ganz leise. Ziehe mich an. Ganz leise. Gehe los. Ganz leise. Im Kinderhospiz ist es ruhig.

Ich gehe den Gang entlang. Dann rechts in Josefs Zimmer. Er schläft noch. Herzfrequenz 128. Sauerstoffsättigung 93. Die Schwester ist bei ihm. Sie hat ihn gerade inhaliert. Gibt ihm Medikamente und Tee über den Bauchschlauch.

Josef schläft. Er liegt auf der Seite. Sein Kopf ist nach links gedreht. Wie sich das nur anfühlen mag, mein Josef? Über einen Bauchschlauch Tee zu bekommen? Dabei zu schlafen? Wie ist das, mein Josef? Wie fühlt es sich an? Fremdbestimmt zu sein?

Ich streichele seinen Kopf. Seine schönen Locken. Ich frage die Schwester nach der Nacht. Sie sagt, Josef wurde zusätzlich mit Salbutamol inhaliert. Er war obstruktiv. Jetzt schläft er. Seit 4.00 Uhr. Gut, sage ich. Gut.

Die Schwester bleibt noch ein wenig bei uns. Wir erzählen. Ganz leise. Über Weihnachten. Es ist schön. Schön und vertraut. Uli kommt. Sagt, er hat sich Sorgen gemacht, weil ich nicht mehr da war. Ich hatte Sehnsucht, sage ich. Nach Josef. Uli streicht mir über den Rücken.

Die Schwester geht. Sagt, wir sollen ihr Bescheid geben. Ja, sage ich. Das machen wir. Uli holt Kaffee aus dem Gemeinschaftsraum. Dann sitzen wir bei Josef. Neben seinem Bett. Jeder auf einer Seite.

Gegen 7.30 Uhr wird Josef wach. Öffnet seine Augen. Streckt seine Arme nach vorn. Biegt sich zurück. Ich schalte den Monitor aus. Nehme Josef aus seinem Bett. Küsse ihn. Lege ihn in meinen Arm. Uli gibt mir die Inhalette. Ich inhaliere Josef. Uli saugt ihn ab.

Im Flur höre ich laute Geräusche. Von dem Jungen, denke ich. Dem schönen großen Jungen. Er wird gebadet. Wir warten, bis er fertig ist. Dann wird für Josef die Wanne eingelassen. Ich ziehe Josef vorsichtig aus. Ganz vorsichtig. Er ist heute angespannt. Seine Atmung zieht und ist schwer.

Uli lässt Josef in die Wanne gleiten. Nimmt ihn wieder aus der Wanne. Zu angespannt, unser Josef. Ich trockne Josef vorsichtig ab. Öle ihn ein. Ziehe Josef vorsichtig an. Küsse ihn. Dann gehen wir in den Gemeinschaftsraum. Ich setze mich mit Josef auf den großen Sessel am Fenster. Lege ihn über meine Knie. Helfe ihm mit meinen Händen beim Atmen.

Dabei schläft er ein. Seine Atmung wird ruhiger. Plötzlich. Wie machst du das nur, mein Josef? Die Gäste kommen. Pfleger und Schwestern. Eltern. Klara und die Geschwisterkinder. Das Frühstück wurde von Ehrenamtlichen vorbereitet. Es gibt Obstsalat. Frische Brötchen. Woher sie die wohl haben, denke ich.

Ich bleibe im Sessel sitzen. Uli bringt mir das Frühstück. Ich spüre meine Müdigkeit. Meine Erschöpfung. Frage nach Kaffee. Als könnte er helfen. Der Kaffee. Mich in andere Zustände bringen.

Nach dem Frühstück verschwindet Klara mit den Geschwisterkindern. Sie machen ein großes Geheimnis aus dem, was sie heute vorhaben. Ich bin froh über Klaras Glück. Froh darüber, dass sie meine Müdigkeit nicht spürt. Meine Erschöpfung. Sich nicht verantwortlich fühlt. Für mich.

Ich gebe Josef seinen Morgenbrei. Tee und Medikamente. Dann nimmt Uli Josef. Sagt, schlaf, Anne. Schlaf. Ich gehe ins Elternzimmer. Lege mich ins Bett. Weine vor Erschöpfung. Schlafe.

Um 14.00 Uhr werde ich wach. Ich fühle mich ausgeruht. Endlich wieder ausgeruht. Ich stehe auf. Suche Uli und die Kinder. Uli sitzt mit Josef in seinem Zimmer. Hält ihn im Arm. Liest dabei. Danke, sage ich zu Uli. Danke. Wofür, fragt Uli? Dass du auf mich achtest. Wenn du es nicht machst, sagt er. Wir lachen. Dabei ist es ernst gemeint. Das weiß ich.

Es klopft an der Tür. Klara und die Geschwisterkinder. Sie haben sich verkleidet. Klara als Engel. Ein Weihnachtsmann und ein zweiter Engel sind auch dabei. Sie verschenken Kekse. Sie haben für jeden Gast Kekse gebacken. Sie liebevoll eingepackt. Dann ziehen sie weiter. Ins nächste Zimmer. Ich bin ganz berührt. Berührt und glücklich.

Josef wird wach. Inhaliert. Abgesaugt. Medikamente. Tee. Ich nehme ihn. Küsse ihn. Fühle mich stärker. Als heute Morgen. Wir gehen in den Gemeinschaftsraum. Trinken Kaffee und Tee. Essen die Kekse. Gäste sind da. Pfleger und Schwestern. Eltern. Es ist gemütlich. Und schön.

Zum Abendessen kommen die anderen Gäste. Wenige bleiben in ihren Zimmern. Ich gebe Josef seinen Abendbrei. Nach dem Essen gehen wir in Josefs Zimmer. Inhalieren ihn. Saugen ihn ab. Ich lege ihn auf meine Brust. Wir atmen zusammen. Dann schläft er ein. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 135. Sauerstoffsättigung 93.

Wir geben dem Pfleger Bescheid. Erzählen noch ein wenig. Lachen. Dann finden wir Klara im Jugendzimmer. Schauen mit den Kindern noch ein wenig fern. Gehen ins Elternzimmer. Uli liest Klara vor. Sie schläft gleich ein. Irgendwann. Schlafen wir.

Veröffentlicht am: 26.12.2018


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