668 | Es ist 6.20 Uhr. Ich bin wach.

, Zu Hause 2

Es ist 6.20 Uhr. Ich bin wach. Schalte den Wecker aus. Die Katze liegt auf Ulis Sachen. Mir laufen Tränen. In mir zerfließt es. Innerlich. Äußerlich. Kann keinen Gedanken dazu fassen. Passen nicht die Gedanken. Wie abgekoppelt.

Ich setze mich. Mir ist schwindlig. Die Tür klappert. Ich warte. Steh auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Kaltes Wasser.

Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Gehe auf den Balkon. Es ist kühl. Herbstkühl. Kinder werden gebracht. Eltern eilen davon. Ich sehe sie. Wie durch eine Scheibe. Eine immer dicker werdende Scheibe.

Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Ich küsse sie. Auf ihren Kopf. Uli setzt sich zu Klara. Ich gehe in Josefs Zimmer. Er schläft. Die Schwester steht an seinem Bett. Gibt ihm Medikamente. Tee. Über den Bauchschlauch.

Josef, mein Josef. Ich streichele seine schönen Locken. Küsse ihn. Lege meine Hand auf seinen Kopf. Bist du noch da, mein Bär? Wo bist du? Ich frage die Schwester nach der Nacht.

Josef schlief durch, sagt sie. Seine Herzfrequenz sank oft unter 60. Das Sekret fließt mäßig. Heute Morgen krampfte Josef. Hat sich dann beruhigt nach der Medikamentengabe. Okay, sage ich. Okay.

Trotz Medikamente krampft Josef. Krampft über die Medikamente. Ich möchte nicht denken. Nicht fühlen. Was ohne die Medikamente wäre. Wäre. Hätte. Könnte. Einatmen und Ausatmen. Keine Zeit. Keine Kraft. Für. Wäre. Hätte. Könnte.

Die Schwester räumt. Spült. Wechselt aus. Zieht auf. Wir sind still. Es wird stiller. Um uns. Oder täusche ich mich? Wird das Glas dicker nach außen? Dringt die Welt gar nicht mehr vor. Klara geht los. Los in die Schule. Ich winke ihr. Bis ich sie nicht mehr sehe.

Es klingelt. Die Schwester. Ich lasse sie bei Josef. Sage, gib mir Bescheid. Wenn er wach ist. Ja, sagt sie. Ja. Uli und ich. Wir sitzen in der Wohnküche. Trinken Tee. Kaffee. Laufen auf und ab.

Ich rufe beim SAPV-Team an. Frage nach dem Medikamentenspiegel. Die Ärztin sagt, der Spiegel kann noch erhöht werden. Es gibt Spielraum. In mir. HOFFNUNG. Macht sich breit. Fläzt sich hin. In mir.

Gleichzeitig fühle ich etwas Anderes. Keine Worte. Für das Gefühl. Keine Worte. Josef wird wach. Die Schwester inhaliert. Saugt ab. Ich ziehe Josef vorsichtig um. PEG reizlos. Dokumentiert die Schwester.

Es klingelt. Die Physiotherapeutin. Dreht und wendet Josef. Erzählt. Ich höre nicht zu. Es rauscht an mir vorbei. Die Erzählungen über andere Familien. Über. Was dieses Über mit uns macht, denke ich? Was das Über mit uns und den Anderen macht? Über.

Sie geht. Sagt noch, Josef ist stabil. Woher weiß sie das nur? Woher? Woher nimmt sie die Urteilskraft? Woher? Woher? Josef schläft wieder. Schlafen. Ist das Schlaf, mein Josef?

Es klingelt. Die Logopädin. Ich freue mich. Wellness heute. Wellness. Josef schläft. Schlaf, mein Josef. Schlaf.

Um 12.30 Uhr ruft mich die Schwester. Josef krampft. Zittert. Am ganzen Körper. Vor einer halben Stunde hat er das Schlafmedikament bekommen. Wir geben ihm noch einmal etwas nach. Der Krampf hört auf. Beginnt wieder nach 15 Minuten. Irgendwann hört es auf. Hört auf. In meinem Armen.

Ich küsse Josef. Halte und küsse ihn. Versuche vorzudringen. Zu Josef. Weiß doch. Er ist so weit weg. Weiß doch. Und will es nicht wissen. Josef, mein Josef. Die Schwester verabschiedet sich.

Josef ist schlapp. Sediert. Schläfrig. Ich lege ihn in den Rehabuggy. Eingekuschelt. Eine Wärmflasche für seine Füße. Wir holen Klara ab. Vom Hort. Gehen ins Kinderhospiz. Es ist Hospizwoche. Eine Ausstellung von einem Vater wird eröffnet. Wir wollen dabei sein. Josef schläft im Wagen. Schläfst du, Josef? Ach. Josef, mein Josef.

Es wird eine Rede gehalten. Die Bilder. Ganz tief. Bewegend. Sein Sohn. Dabei. Im Liegerollstuhl. Ich bin berührt von den Bildern. Von ihnen. Es gibt Applaus. Sekt. Gespräche. Führungen durch das Kinderhospiz. Wir gehen nach Hause. Mein Herz stolpert. Krampft. Ich weiß nicht warum. Will es nicht wissen.

Es gibt Abendbrot. Brot. Käse. Ich gebe Josef seinen Abendbrei. Inhalation. Uli saugt Josef ab. Wir schauen Kinderfernsehen in unserem Schlafzimmer. Klara liest uns vor. Wir bringen sie in ihr Bett. Uli macht das Hörspiel an. Wir gehen ins Wohnzimmer. Josef liegt auf mir. Zittert leicht. Ich habe den Eindruck, er krampft durchgängig.

Es klingelt um 21.30 Uhr. Die Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 90. Sauerstoffsättigung 94. Wir gehen ins Bett. Schlaf.

Veröffentlicht am: 28.09.2019


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