667 | Ich bin wach. Es ist 7.30 Uhr.

, Zu Hause 2

Ich bin wach. Es ist 7.30 Uhr. Der Schlaf. Durcheinander. Gesprächsfetzen in meinem Kopf. Neu geordnet. Die Erzählungen über uns. Mit Erzählungen von uns. Narrative über uns. Von uns. Was das macht. Das Hören von Erzählungen über uns. Über Josef. Mit den Deutungen. Einatmen und Ausatmen.

Mein Herz stolpert. Ich setze mich. Mir ist schwindlig. Es ist kurz vor 8.00 Uhr. Ich bin froh. Bald sind wir zu Hause. Bin froh. Wir waren hier. Sind hier. Konnten korrigieren. Narrative über uns korrigieren. Verändern. Vielleicht. Was macht das schon? Mit mir macht es etwas. Mit mir.

Klara ist wach. Möchte fernsehen. Ja, sage ich. Ja. Es ist Sonntag. Ich packe die Sachen. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Kaltes Wasser. Uli ist wach.

Zusammen gehen wir zum Frühstück. Heute ist es leichter. Für mich. Leichter. Wir erzählen. Berührungen. Verbindungen. Gut ist es. Wir haben uns gezeigt. Waren mutig. Dann doch. Es war wichtig. Für Uli. Seine Familie. Es war wichtig.

Ich rufe im Kinderhospiz an. Frage. Die Schwester sagt, die Nacht war ruhig. Josef hat gut geschlafen. Vitalzeichen waren in der Norm. Soweit. Heute Morgen hat Josef gekrampft. Sehr lange. Kein Fieber. Wir kommen, sage ich. Wir kommen. Ich fühle mich durchlässig. Durchschmerzt. Haltlos. Wo sind die Grenzen? Wo kann ich mich festhalten? Orientieren? Wo?

Wir verabschieden uns. Umarmungen. Versprechungen. Besuchen wollen wir uns. Besuchen. Im nächsten Jahr. Vielleicht. Der Kontakt soll nicht abbrechen.

Wir fahren los. Mir laufen Tränen. Wir hören Hörspiel. Klara ist glücklich. Auch sie hat Geschenke bekommen. In mir. Mir ist schlecht. Mein Kopf. Schmerzt. Mein Herz. Stolpert. Ich bin angespannt. Vielleicht hält sie mich. Die Anspannung. Vielleicht.

Wir sind da. Es ist 13.00 Uhr. Josef, mein Josef. Er liegt in seinem Bett. Auf dem Bauch. Über dem Kissen gelagert. Damit er gut Luft bekommt. Seine Arme wurden nach oben gelegt. Damit sich der Brustkorb weitet. Sekret läuft aus seinem Mund. Seiner Nase.

Ich streichele seine schönen Locken. Küsse ihn. Lege meine Hand auf seinen Kopf. Wir sind da, mein Bär. Wir sind da. Danke, mein Josef. Danke, dass wir fahren durften. Danke. Uli packt Josefs Sachen. Bringt sie in unsere Wohnung. Holt den Schlüssel vom Nachbarn.

Josef, mein Josef. Er schläft. Mittag hat er das Schlafmedikament bekommen. Ich sitze an seinem Bett. Schaue auf den Monitor. Die Zahlen springen. Hin und her. Springen durch meinen Kopf. Ohne Bedeutung. Was bedeuten sie denn? Diese Zahlen? Auf was verweisen sie bei Josef? Auf was?

Ich bin wütend auf diese Zahlen. Diesen Monitor. Möchte schreien. Einfach so. Weil es sein muss. Tue es. Nicht. Tue es. Nicht. Klara ist verschwunden. Ist bei den Geschwisterkindern im Jugendzimmer. Sie sind vertraut. Miteinander. Das ist gut. Hier muss Klara nicht von uns erzählen. Von sich. Wir nicht von uns. Hier sind wir. Sind.

Einatmen und Ausatmen. Hörst du, mein Josef? Einatmen und Ausatmen. Ich verlange zu viel, mein Josef. Ich weiß. Ich weiß. Josef wird wach. Ich denke, er wird wach. Nehme ihn aus seinem Bett. Küsse. Nehme ihn in meinen Arm. Sein Kopf auf meiner Schulter. Es ist schön ihn zu spüren. Meinen Josef. Und doch spüre ich, wie weit weg er ist. Wie er schwebt. Mein Schwebejosef.

Ich inhaliere ihn. Sauge Josef vorsichtig ab. Uli ist wieder da. Wir verabschieden uns von der Schwester. Von den Gästen. Die wir sehen. Zusammen mit Klara gehen wir nach Hause.

Zu Hause. Zusammen. Ich halte Josef. Dann Uli. Uli hält ihn lange in seinem Arm. Vater und Sohn. Das ist schön. Vater und Sohn. Klara liest. Dann spielen wir Karten. Josef liegt auf dem Schoß von Uli.

Vielleicht, denke ich. Vielleicht. Bleibt es so. Die Hoffnung. Da ist sie. Nimmt mehr Raum ein. In mir. Josef, mein Josef. Ich kann auch in deinem Schwebezustand mit dir leben. Josef, mein Josef. Verlange ich zu viel? Ach. Josef.

Ich decke den Tisch. Nudeln mit Pesto. Josef in meinem Arm. Ich gebe ihm seinen Abendbrei. Tee. Medikamente. Küsse Josef. Uli lässt die Wanne ein. Die Kinder baden. Josef im Arm seiner Schwester.

Ich trockne Josef vorsichtig ab. Küsse ihn. Seine Füße. Hände. Arme. Beine. Bauch. Brust. Seine Stirn. Nase. Mund. Den kleinen Leberfleck. Den auch. Ich öle Josef ein. Ziehe ihn an. Im Schlafzimmer schauen wir zusammen Kinderfernsehen. Klara liest uns vor. Wir bringen sie in ihr Bett. Uli macht das Hörspiel an.

Wir gehen ins Wohnzimmer. Josef liegt auf meiner Brust. Seine Atmung ist unregelmäßig. Er zittert leicht am ganzen Körper. Er krampft. Trotz Medikamente. Trotz. Aushalten. Ich küsse Josef. Halte. Aus.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 100. Sauerstoffsättigung 95. Wir gehen ins Bett. Schlaf.

Veröffentlicht am: 27.09.2019


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