395 | Um 7.00 Uhr bin ich wach.

Um 7.00 Uhr bin ich wach. Punkt 7.00 Uhr. Klara schläft. Atmet ganz gleichmäßig. Einatmen und Ausatmen. Uli ist schon aufgestanden. Ich bleibe liegen. Warte, bis das Bad frei ist. Stehe auf. Klara wird wach.

Ja, sage ich. Ja. Sie schaltet den Fernseher an. Ich gehe ins Bad. Wasche mich. Uli wartet auf mich. Wir gehen zu Josef. Im Gemeinschaftsraum ist die Hauswirtschaftsfrau. Ich freue mich. Freue mich sehr. Sie gibt uns Kaffee. Fragt, was wir schon so zeitig hier machen. Wir sollen doch mal ausschlafen. Sie lacht und umarmt uns. Beide.

Wir gehen den Gang entlang. Dann rechts. Josef ist schon wach. Die Schwester nimmt ihn aus seinem Bett. Inhaliert ihn. Saugt ihn vorsichtig ab. Uli lässt das Wasser in die Pflegewanne.

Ich frage nach der Nacht. Josef hat gekrampft, sagt sie. Er war etwas unruhig heute Nacht. Das Sekret läuft. Seine Atmung klingt gut, sagt sie. Gut, sage ich. Gut. Die Atmung, sage ich. Die Atmung ist wichtig. Das Atmen. Das Einatmen und das Ausatmen. Ja, sagt sie. Ja. Der Josef und das Atmen.

Ich ziehe Josef vorsichtig aus. Ganz vorsichtig. Küsse ihn. Er ist heute angespannt. Dreht seinen Kopf nach rechts oben. Biegt sich etwas. Ein Krampf, denke ich. Nach einer kurzen Weile hört er auf. Der Krampf.

Uli lässt Josef in die Wanne gleiten. Josef genießt es. Mein Eindruck. Trotz seiner Anspannung. Er nimmt ihn aus dem Wasser. Ich trockne Josef vorsichtig ab. Küsse ihn. Öle ihn ein. Ich brauche heute sehr lange. Ganz langsam löse ich seine Spastiken. Ziehe ihn an. Ganz vorsichtig und langsam. Küsse. Zwischendurch.

Wir gehen in den Gemeinschaftsraum. Der Frühstückstisch ist schon gedeckt. Die Brötchen sind noch ganz warm. Klara kommt zu uns. Die Gäste werden nach und nach gebracht. Einige Gäste liegen im Bett. Sind bei uns. Darüber freue ich mich.

Pfleger und Schwestern kommen. Eltern. Geschwisterkinder. Der Junge bleibt heute im Zimmer. Schläft noch. Ich halte Josef im Arm. Gebe ihm seinen Morgenbrei. Tee und Medikamente. Alles ganz selbstverständlich. Als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Ist es doch auch. Oder?

Nach dem Frühstück gehen wir in den Wintergarten. Zum Morgenkreis. Es ist ruhig. Wenig Gäste und Eltern sind da. Wir singen. Ein wenig. Probieren Instrumente aus. Josef genießt es. Mein Eindruck. Trotz seiner Anspannung.

Dann übergeben wir Josef der Schwester. Wir gehen los. Mit Klara. Eine Freundin besuchen. Sie arbeitet auf einem Weihnachtsmarkt. Verkauft ihren schönen Schmuck. Dort ist es noch nicht so voll. Wir trinken Tee. Essen Stollen. Reden. Leise. Umarmen uns. Klara bekommt einen Crepe. Und noch einem. Zum Abschied.

Dann fahren wir wieder ins Kinderhospiz. Josef liegt auf der Brust der Schwester. Sie sitzt mit ihm im Sessel im Gemeinschaftsraum. Er schläft. Ist ganz entspannt. Das ist schön. Sehr schön. Wir setzen uns dazu. Reden. Leise. Warten, bis Josef wach wird. Ich nehme ihn. Meinen wachen Josef.

Klara ist verschwunden. Mit den Geschwisterkindern. Sie sind schwimmen. Im Therapiebad. Den Nachmittag verbringen wir im Gemeinschaftsraum. Gäste kommen dazu. Eltern. Auch. Wir reden. Vorsichtig. Über die Situation zu Hause. Über Pflegedienste. Über Pflegestufen. Über. Über.

Nicht über unsere Gefühle. Über die Gefühle reden wir nicht. Die zeigen wir. Unsere Freude und Traurigkeit. Die Schwere. Das Leichte schimmert manchmal hervor. Wenn wir unsere Kinder berühren. Zärtlich über ihre Arme streifen. Sie küssen. Dann zeigen wir auch das Leichte. Dann lachen wir. Auch.

Zum Abendessen kommen die Gäste. Pfleger. Schwestern. Eltern. Geschwisterkinder. Klara mit einem Handtuch um den Kopf. Ihre Haare sind noch nass. Sie ist glücklich. Müde und glücklich. Ich gebe Josef seinen Abendbrei. Wir gehen in Josefs Zimmer. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab.

Ich ziehe ihn um. Für die Nacht. Ich lege Josef auf meine Brust. Sein Ohr liegt direkt auf meinem Herz. Spürst du mein Herz, Josef. Spürst du es? Mein Herzklopfen, Josef? Er schläft ein. Jegliche Spannung löst sich. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 123. Sauerstoffsättigung 96. Alles gut, denke ich. Alles gut.

Wir geben der Schwester Bescheid. Gehen zu Klara. Ins Jugendzimmer. Schauen mit den Kindern fern. Gehen ins Elternzimmer. Uli schaut nach Wohnungen. Hat eine gefunden, sagt er. Morgen, sage ich. Morgen. Ich bin so müde. Schlafe ein.

Veröffentlicht am: 29. 12. 2018