396 | Es ist 6.40 Uhr. Ich bin wach.

Es ist 6.40 Uhr. Ich bin wach. Klara schläft. Atmet gleichmäßig. Einatmen und Ausatmen. Uli schläft. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Uli ist wach. Klara hat den Fernseher eingeschaltet.

Ich frage Uli nach der Wohnung. Er zeigt sie mir. Zeigt auf die Fotos. Sagt, ich weiß, wo die Wohnung ist. Eine Adresse steht nicht dabei. Aber ich weiß, wo sie ist. Es ist eine Wohnung mit vier Zimmern.

Es sind eigentlich zwei Wohnungen mit jeweils zwei Zimmern. Eine ganze Etage. Für uns wäre sie ideal, sagt Uli. Eine Seite für Josef und eine für uns. Stimmt, sage ich. Stimmt. Uli steht auf. Geht ins Bad.

Gemeinsam gehen wir zu Josef. Den Gang entlang. Erst in den Gemeinschaftsraum. Holen uns einen Kaffee. Dann rechts.

Josef ist wach. Die Schwester hält ihn im Arm. Möchte ihn gerade ausziehen. Für das Morgenbad. Ich nehme ihr Josef ab. Küsse ihn. Sein Kopf ist verschwitzt. Ich frage nach der Nacht. Ziehe Josef langsam aus.

Er hatte Fieber. Ein Medikament bekommen. Das Sekret ist wieder fester und zäh. Etwas gelb. Okay, sage ich. Uli lässt Josef in das Wasser gleiten. Josef, mein Josef. Heute habe ich das Gefühl, du entfernst dich. Mein Josef. Uli nimmt ihn aus dem Wasser.

Ich trockne ihn vorsichtig ab. Küsse Josef. Überall. Josef, spürst du sie. Meine Küsse. Ich öle ihn ein. Ziehe ihn an. Josef, sage ich zu Uli, kommt mir heute weiter weg vor. Meinst du, sagt Uli. Ich weiß es nicht, sage ich. Ich weiß es nicht.

Wir gehen in den Gemeinschaftsraum. Ich halte Josef. Habe ihn schon lange nicht mehr in den Therapiestuhl gesetzt, denke ich. Momentan halte ich dich lieber, mein Josef. Wer weiß, wie lange noch, denke ich. Kurz. Schicke den Gedanken weg. Einatmen und Ausatmen.

Die Gäste werden gebracht. Die Pfleger und Schwestern kommen. Eltern. Geschwisterkinder. Klara kommt auch. Ich gebe Josef seinen Morgenbrei. Medikamente. Tee. Er schläft ein. In meinem Arm. Nach dem Frühstück setze ich mich in den Sessel am Fenster. Schaue in den Garten. Lege Josef auf mein Herz. Wir atmen zusammen. Ich spüre seinen warmen Körper. Seinen Atem.

Nicht so weit, Josef, denke ich. Geh nicht so weit weg. Komm noch mal wieder. Bitte. Mir laufen stille Tränen. Klara geht mit den Geschwisterkindern und den Eltern Silvesterknaller kaufen. Das erste Mal in ihrem Leben. Sie freuen sich schon so sehr auf Silvester. Malen sich aus, was sie alles machen wollen.

Uli geht los. Sucht die Wohnung. Nach dem Foto aus dem Internet. Ich bleibe mit Josef im Gemeinschaftsraum. Allein. Ab und zu kommt jemand. Das stört uns nicht. Josef und mich. Uli kommt wieder. Sagt, ich habe sie gefunden. Die Wohnung. Sie ist schräg gegenüber. Schau sie dir von außen an. Es wäre ideal, sagt Uli. Ist ganz begeistert.

Josef wird wach. Zeigt sich mit seinem lauten Atem. Bist du wieder da, mein Josef, denke ich. Bist du wieder da? Wir gehen in Josefs Zimmer. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Wir geben Josef der Schwester. Sie freut sich. Endlich, sagt sie. Endlich kann ich auch mit Josef kuscheln.

Uli und ich gehen los. Gehen um das Haus herum. Die Wohnung wäre ideal. Eine Minute vom Kinderhospiz entfernt. Sie ist groß. Im ersten Stock. Hell. Uli ruft beim Makler an. Am 3.1., sagt der Makler, können sie sich die Wohnung anschauen. Gut, sagt Uli. Schön. Wir freuen uns. Bremsen dann. Die Freude. Wir schauen uns die Wohnung ja erst einmal an.

Im Kinderhospiz. Josef ist mit der Schwester, anderen Gästen und Eltern im Spielzimmer. Die Schwester sitzt mit ihm in der Schaukel. Josef genießt es. Er ist wach. Ich bin froh. Darum. Um seine Wachheit. Habe das Gefühl, er ist wieder da. Bei uns.

Wir sitzen zusammen im Spielzimmer. Klara kommt auch. Und die Geschwisterkinder. Es ist laut im Spielzimmer. Das tut gut. Das Laute neben der Stille. Irgendwann kommt eine Mutter. Bittet um Ruhe. Dann werden wir wieder leise. Ziehen uns zurück. In den Gemeinschaftsraum.

Uli schaut im Internet. Nach der Schule. Klara müsste ja umgeschult werden. Im Halbjahr. Einatmen und Ausatmen, mein Uli.

Zum Abendessen kommen die Gäste, Schwestern, Pfleger, Eltern und Geschwisterkinder. Auch der Junge ist da. Heute kann er ein wenig sitzen. Er lächelt. Ich gebe Josef seinen Abendbrei. Uli inhaliert ihn. Saugt ihn ab. Ich lege Josef auf meine Brust. Er atmet kräftig. Ich bin da, höre ich. Ich bin da. Das höre ich. Zwischen seinen Atemzügen.

Josef schläft langsam ein. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 119. Sauerstoffsättigung 95. Wir geben der Schwester Bescheid. Gehen zu Klara und den Kindern in das Jugendzimmer. Schauen zusammen fern. Gehen ins Elternzimmer. Schlafen. Ein.

Veröffentlicht am: 30. 12. 2018