670 | Der Wecker klingelt. Es ist 6.30 Uhr.

, Zu Hause 2

Der Wecker klingelt. Es ist 6.30 Uhr. Ich schalte ihn aus. Tränen. Leise Tränen. Ich setze mich. Mir ist schwindlig. Einatmen und Ausatmen. Die Katze liegt auf Ulis Sachen. Die Tür klappert. Ich warte.

Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Kaltes Wasser. Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Ich küsse sie. Auf ihren Kopf. Halte sie. Klara, meine Klara. Uli setzt sich zu Klara.

Ich gehe in Josefs Zimmer. Er schläft. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 93. Ich streichele Josefs schöne Locken. Küsse ihn. Frage nach der Nacht. Die Herzfrequenz war im Vergleich zu den letzten Nächten hoch, sagt sie. Er war unruhig. Krampfte leicht.

Sie hat ihm ein Schmerzmedikament gegeben. Es wirkte nicht auf die Herzfrequenz. Kein Fieber. Okay, sage ich. Okay. Sie räumt. Spült. Wechselt aus. Zieht auf. Verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Klara geht los. Los in die Schule. Ich winke ihr. Bis ich sie nicht mehr sehe.

Es klingelt. Die Schwester. Es ist drückend mit uns. Bedrückend. Sind nicht offen. Miteinander. Josef schläft. Oder. Und. In einem Zustand ohne Namen. Ich sage der Schwester, sie soll mich rufen. Ja, sagt sie. Ja.

Uli und ich. Wir sitzen beieinander. Reden leise. Trinken heißen Tee. Warten. Auf was warten wir, Uli? Auf was?

Die Schwester. Ruft. Mich. Josef, mein Josef. Seine Atmung ist schwer. Ziehend. Seine Augen sind geschwollen. Sie inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Küsse ihn. Überall hin. Küsse, mein Josef. Küsse.

Die Schwester. Steht dabei. Ich weiß nicht, wie sie es findet. Es ist mir egal. Wie sie es einordnet. In ihrem inneren System. Nur dieses Gefühl werde ich nicht los. Beobachtet und bewertet zu werden. Es ist lästig. Dieses Gefühl.

Sie nimmt Josef. Ich gebe ihm seinen Morgenbrei. Tee. Medikamente. Josef ist angespannt. Als wären seine Sinne nach außen gerichtet.

Es klingelt. Die Logopädin. Ich freue mich sehr. Sie begrüßt Josef. Berührt seine Füße. Hände. Arme. Beine. Arbeitet sich bis zu seinem Mund vor. Sagt, Josef ist sehr empfindlich im Mund. So hat sie ihn noch nicht erlebt. Okay, sage ich. okay. Sehr empfindlich. Alle Sinne nach außen gerichtet. Sie verabschiedet sich.

Josef dreht seinen Kopf nach rechts. Er krampft. Ich nehme ihn aus dem Therapiestuhl. Küsse ihn. Gebe ihm dann das Notfallmedikament. Es wirkt. Zum Glück wirkt es. Josef schläft ein. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 95. Ich streichele seine schönen Locken. Küsse ihn sanft. Lasse ihn mit der Schwester allein.

Rufe beim SAPV-Team an. Bitte um einen Hausbesuch. Heute Nachmittag werden sie kommen, sagt die Palliativschwester.

Es klingelt. Der Einzelfallhelfer. Ich freue mich. Er setzt sich zu Josef an sein Bett. Liest ihm vor. Die Schwester verabschiedet sich.

Ich hole Klara ab. Vom Hort. Zu Hause. Tee. Kaffee. Kakao. Kekse. Josef, mein Josef. Er wird wieder wach. Inhalation. Absaugen. Ich halte ihn. Küsse. Der Einzelfallhelfer geht. Bis morgen sagt er. Bis morgen.

Es klingelt. Das SAPV-Team. Wir setzen uns in die Wohnküche. Sprechen. Leise. Ruhig. Klara in ihrem Zimmer. Sie hört Hörspiel. Wir sprechen über Josef. Seinen schlechten Zustand. Darüber, dass er sich seit der großen Krise im Juni verschlechtert hat.

Sehr verschlechtert hat. Die Medikamente kaum Wirkung zeigen. Josef über die vier Krampfmedikamente krampft. Auch die Schmerzmedikamente nicht mehr wirken. Sich alles aufzulösen scheint. Fällt. Haltlos ist. Sich uns entzieht. Entziehen. Josef entzieht sich uns. Unserem Wirken auf ihn.

Mein Herz ist schmerzdurchflutet. Gleichzeitig spüre ich tiefe Demut vor meinem Kind. Meinem Sohn. Meinem Josef. Dann reden wir. Über Klara. Ihre Frage zum Sterben von Josef. Ihrem Gespür zu Josef. Das Sterben nun ganz nah. Ganz anders als die vielen anderen Male. Als wir dachten, Josef stirbt. Wir dachten es. Dachten.

Sterben hat mit dem Denken nichts zu tun. Das Sterben kann ich nicht denken. Nur Fühlen. Einatmen und Ausatmen. Dennoch an das Morgen denken. Alles Gleichzeitig. Die Ärztin. Nimmt mich in den Arm. Wir sprechen. Morgen. Ja, sage ich. Ja. So oder so. es wird ein Morgen geben. So oder so.

Uli deckt den Tisch. Brot. Käse und Brot. Die Butter ist alle. Ich gebe Josef seinen Abendbrei. Tee. Medikamente. Er liegt in meinem Arm. Wir schauen zusammen Kinderfernsehen im Schlafzimmer. Josef im Arm seiner Schwester.

Wir bringen Klara in ihr Bett. Machen das Hörspiel an. Gehen ins Wohnzimmer. Josef auf meiner Brust. Er zittert. Zuckt. Ich gebe ihm ein Medikament. Es hört auf. Das Krampfen.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 140. Sauerstoffsättigung 93. Wir gehen ins Bett. Schlaf?

Veröffentlicht am: 30.09.2019


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