671 | Ich bin wach. Es ist 6.15 Uhr.

, Zu Hause 2

Ich bin wach. Es ist 6.15 Uhr. Ich schalte den Wecker aus. Die Katze liegt auf Ulis Sachen. Ich bin unruhig. Innerlich. Un. Ruhig. Ich setze mich. Mir ist schwindlig. Die Tür klappert. Ich warte.

Stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Kaltes Wasser. Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Gehe auf dem Balkon. Kinder werden von ihren Eltern gebracht. Das Wetter ist schön. Die Sonne zeigt sich.

Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Ich küsse sie. Auf ihren Kopf. Uli setzt sich zu Klara. Ich gehe in Josefs Zimmer. Die Schwester gibt ihm Medikamente. Tee. Über den Bauchschlauch. Josef schläft. Herzfrequenz 130. Sauerstoffsättigung 93.

Ich streichele seine schönen Locken. Küsse ihn. Lege meine Hand auf seinen Kopf. Josef, mein Josef. Ich frage nach der Nacht. Josef schlief durch, sagt sie. Keine sichtbaren Krämpfe. Kein Fieber. Wenig Sekret.

Ab Mitternacht hat sie alle zwei Stunden inhaliert. Die Vitalwerte waren in der Norm. Nicht mehr so niedrig wie in den Nächten davor. Okay, sage ich. Okay. Die Schwester räumt. Spült. Wechselt aus. Zieht auf. Verabschiedet sich.

Klara geht los. Los zur Schule. Ich winke ihr. Bis ich sie nicht mehr sehe. Mein Herz stolpert. Rast. Ich bin unruhig. Fühle mich getrieben. Ein merkwürdiger Zustand. Einatmen und Ausatmen.

Es klingelt. Die Schwester. Wir kennen sie gut. Aus dem Kinderhospiz. Ich bin erleichtert. Weiß, sie ist unerschrocken. Kann mit Josef. Mit uns. Umgehen. Hält uns aus. Josef schläft. Josef, mein Josef.

Wir fragen sie, ob Uli und ich sie mit Josef allein lassen dürfen. Weil wir laufen müssen. Laufen. Laufen. Die Unruhe transformieren. Ja, sagt sie. Ja. Ob sie mit Josef nachher spazieren gehen darf, fragt sie. Ja, sage ich. Ja. Ich küsse Josef. Küsse und Küsse.

Dann fahren Uli und ich los. Zu einem See. Laufen und Laufen. Um den See. Die Bäume leuchten bunt. Wir sind still. Reden nicht. Jeder läuft in seinem Tempo. Uli vor mir. Jeder für sich. Ich verspüre das Bedürfnis, in den See zu steigen. Das kalte Wasser zu spüren. Mich zu spüren. Traue mich nicht. Tue es nicht. Schreie. Aber. Schreie.

Wir fahren nach Hause. Josef, mein Josef. Er schläft. Liegt in seinem Bett. Über ein Kissen gelagert. In den Händen hat er Kastanien. Die Logopädin war schon da, sagt die Schwester. Josef hat sehr gut reagiert. Mit seinen Sinnen ist er nach außen gerichtet. Nach außen.

Ich freue mich. Hoffe. Da ist sie wieder. Die Hoffnung. Vielleicht irren wir uns. Vielleicht. Josef, mein Josef. Der Einzelfallhelfer war auch schon da, sagt die Schwester. Sie waren zusammen spazieren. Eine Gartenrunde. Schön, sage ich. Schön.

Josef wird wach. Ich nehme ihn aus seinem Bett. Er ist ganz warm. Temperatur 38,7. Ich gebe ihm ein Schmerzmedikament. Halte ihn. Küsse ihn. Er wirkt weit weg. Gleichzeitig ist er ganz nah. Ganz nah. Ganz dicht. Als würde er in mich hinein wachsen. Sich mit mir verbinden. Seelenverbundenheit.

Die Physiotherapeutin kommt. Sie dreht und wendet Josef. Er schläft wieder ein. Sie erzählt mit der Schwester. Über andere Kinder. Sie kennen sich aus dem Kinderhospiz. Ich bin ganz froh darum. Keine Ansprache heute. An mich.

Ich hole Klara ab. Aus dem Hort. Sie kommt gleich mit.

Zu Hause. Tee. Kaffee. Kakao. Kekse. Die Schwester verabschiedet sich. Josef in meinem Arm. Er zuckt und zittert. Krampft leicht. Ich küsse ihn. Aus. Halten.

Es klingelt. Die Familienbegleitung. Heute gehen sie raus. Das Wetter ist wunderschön. Malen mit der Straßenkreide im Hof. Josef in meinem Arm. Mein Herz schmerzt. Ein strömender Schmerz. Durchströmend. Gleichzeitig bin ich unruhig. Taub. Spüre meinen Körper nicht mehr.

Josef wird inhaliert. Abgesaugt. Das Sekret ist flüssig. Seine Atmung ist ruhig. Flach und ruhig. Uli nimmt Josef. Legt ihn auf seinen Bauch. Vater und Sohn. Bauch an Bauch. Wie schön. Wie schön.

Ich schneide Gemüse. Schiebe es mit Sahne und Käse in den Ofen. Decke den Tisch. Zusammen mit der Familienbegleitung essen wir. Josef bekommt seinen Abendbrei. Tee. Medikamente. Es tut mir gut, dass sie da ist. Es beruhigt mich. Ein wenig. Sie geht. Umarmungen.

Josef wird inhaliert. Abgesaugt. Umgezogen. Gemeinsam schauen wir Kinderfernsehen in unserem Schlafzimmer. Josef in den Armen seiner Schwester. Klara liest uns vor. Wir bringen sie in ihr Bett. Machen das Hörspiel an.

Gehen ins Wohnzimmer. Josef auf meiner Brust. Wir atmen schon lange nicht mehr zusammen. Josef zittert. Wie in Wellen. Ich gebe ihm ein Medikament. Es hört auf. Das Zittern.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 128. Sauerstoffsättigung 95. Wir gehen ins Bett. Schlaf.

Veröffentlicht am: 01.10.2019


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