397 | Um 7.00 Uhr bin ich wach.

, Kinderhospiz

Um 7.00 Uhr bin ich wach. Ich bin unruhig. Aufgeregt. Wegen der Wohnung. Beruhige mich. Noch haben wir sie nicht gesehen. Noch haben wir keine Zusage. Noch. Klara ist wach. Sie ist aufgeregt, sagt sie. Heute ist Silvester. Dann fragt sie, darf ich fernsehen. Ja, sage ich. Ja. Es sind ja Ferien.

Uli schaut mich an. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Setze mich noch mal zu Klara. Wir kuscheln. Ein wenig. Der letzte Tag in diesem Jahr, denke ich. Über ein Jahr ist Josef bei uns. Über ein Jahr. Schon. Erst. Uli ist fertig.

Wir gehen zu Josef. Den Gang entlang. In den Gemeinschaftsraum. Wir holen uns einen frischen Kaffee. Dann sind wir bei Josef. Er ist wach. Die Schwester zieht ihn gerade aus. Für das Morgenbad. Das Wasser rauscht in die Wanne. Ich nehme Josef. Meinen nackten Josef. Mit seinem Bauchschlauch. Seine Brust verformt sich langsam. Zu einem kleinen Trichter.

Ich küsse ihn. Guten Morgen, mein Bär. Ich frage die Schwester nach der Nacht. Nichts Besonderes, sagt sie. Er wurde mit Salbutamol inhaliert. Gegen 3.00 Uhr hat er gekrampft und ein Notfallmedikament bekommen. Danach schlief Josef. Bis jetzt. Okay, sage ich. Okay.

Uli lässt Josef ins Wasser gleiten. Er genießt es. Josef schwebt in der Wanne. Ganz entspannt. Uli hält ihn. Ganz vorsichtig wasche ich Josef. Dann nimmt Uli Josef aus der Wanne. Gibt ihn mir. Ich trockne Josef ab. Küsse ihn. Seine Füße. Seine Hände. Seine Brust. Ich spüre sein kleines Herz schlagen. Küsse seinen Bauch. Seine Wangen. Ohren. Augen. Nase. Mund. Ich öle Josef ein. Ziehe ihn an.

Heute ist der letzte Tag in diesem Jahr. Wer hätte das gedacht? Mein Josef. So lange bist du schon bei uns. Wer hätte das gedacht? Wir gehen in den Gemeinschaftsraum. Die Gäste kommen. Die Schwestern und Pfleger. Eltern. Geschwisterkinder. Auch der Junge.

Heute ist es lauter. Lebendiger beim Frühstück. Ich gebe Josef seinen Morgenbrei. Klara kommt auch.

Wir besprechen den Silvesterabend. Im Wintergarten wollen wir ein Buffet aufbauen. Zusammen sitzen. Die Kinder backen Cakepops. Uli kauft Pfannkuchen. Silvesterpfannkuchen. Andere Eltern bringen Salate mit. Fisch wird es auch geben.

Nach dem Frühstück inhalieren wir Josef. Saugen ihn ab. Er schläft ein. Ich setze mich mit Josef in den Gemeinschaftsraum. In den großen Sessel. Schaue aus dem Fenster. Es ist grau draußen. Hellgrau.

Die Pflegedienstleitung kommt in den Gemeinschaftsraum. Sagt, sie hat gerade ein Anruf bekommen. Jemand spendet ein Feuerwerk. Nun muss es abgeholt werden. Uli sagt, er macht es. Holt es ab. Das Feuerwerk.

Uli fährt los. Klara, Josef und ich bleiben im Kinderhospiz. Klara bäckt mit den Geschwisterkindern. Ich sitze mit Josef. Halte ihn. Inhaliere ihn. Sauge ihn ab. Gebe ihm Medikamente. Tee. Die Schwester kommt zu uns. Wir erzählen. Leichte Dinge und schwere. Wir reden über das Leben. Über das Sterben. Wie das sein kann. Das Sterben. Wie es vielleicht sein kann. Mir laufen Tränen. Dann lachen wir. Auch wieder.

Uli ist nach einer langen Zeit wieder da. Sucht nach Hilfe. Das Feuerwerk ist sehr schwer. Zu dritt wird es in den Garten getragen. Wunschraketen gab es auch. Wunschraketen für die Gäste und Kinde hier. Zettel werden verteilt. Wünsche werden raufgeschrieben. An die Raketen geheftet.

Es ist dunkel geworden. Es gibt Abendbrot. Die Schwestern und Pfleger haben Salate mitgebracht. Die Gäste werden gebracht. Heute sind alle da. Wir essen. Lachen. Verteilen Konfetti. Luftschlangen.

Dann versammeln wir uns an der großen Glasfront. Die Raketen werden gezündet. Über das Mobiltelefon wird von draußen bekannt geben, welche Rakete für wen gerade gezündet wird.

Das Licht im Gemeinschaftsraum wird gedimmt. Ab und zu piept ein Monitor. Die Raketen steigen nach und nach mit den Wünschen in die Luft. Wir klatschen. Bei jeder Rakete. Zum Schluss wird das Feuerwerk gezündet. Es ist laut. Hell. Schön.

Die Gäste werden nach und nach ins Bett gebracht. Josef wird inhaliert. Abgesaugt. Auf meiner Brust schläft er ein. Mein Josef. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 95. Wir geben der Schwester Bescheid.

Gehen dann in den Wintergarten. Wir Eltern sitzen zusammen. Essen. Trinken. Reden. Ein wenig. Die Kinder zünden zusammen mit uns Eltern Knaller an. Wir sind in uns gekehrt. Jeder bei sich. Irgendwie.

Mitternacht. Wir gehen zu Josef. Sind bei ihm. An seinem Bett. Küssen ihn. Er schläft. Schlaf, mein Josef. Schlaf. Ein gutes neues Jahr wünschen wir dir. Wir gehen ins Bett. Schlafen. Irgendwie.

Veröffentlicht am: 31.12.2018


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