Silvester ist heute. Guten Morgen.

Nach dem Aufwachen rufe ich in der Klinik an. Wie geht es Josef? Wie war seine Nacht? Er habe mehr geschlafen. Unverändert. Er ist stabil. Gut. Wir kommen. So gegen Mittag. Ich pumpe Milch ab. Wir frühstücken. Anschließend fahren wir zu den Freunden. Klara abholen. Sie bitten uns rein. Wollen wir noch einen Kaffee zusammen trinken und erzählen? Ja, das machen wir. Das letzte Mal saßen wir länger an ihrem Küchentisch, als ich hochschwanger mit Josef war. An seinem Geburtstag. Nun ohne Josef. Leise Worte sprechen wir. Josef kommt nach Hause, sagen wir. Wir sind da, wenn ihr uns braucht, sagen sie. Danke. Heute nehmen wir Klara mit in die Klinik. Am Abend sind wir eingeladen worden. Zwei Stunden oder mehr zum Silvesteressen. Ganz in Ruhe. Nur unsere Freunde und wir. Zwei oder mehr Stunden. Es ist doch Silvester. Gut.
Am Mittag kommen wir in der Klinik an. Durch die Notaufnahme gehen wir die Treppe rauf. Den Gang entlang. Wir klingeln an der Schleuse. Gehen den Gang runter und dann rechts. Wir schließen unsere Sachen ein. Desinfizieren unser Hände. Ich stelle meine Milch in den Kühlschrank. An den zwei Inkubatoren vorbei gehen wir in Josefs Zimmer.
Heute küsse ich ihn zuerst und warte bin meine Hände warm sind bevor ich ihn berühre. Klara begrüßt ihren Bruder ganz wild. Vorsicht Klara, nicht so wild. Josef ist heute sehr fest. Seine Arme und Beine sind lang gestreckt. Uli nimmt ihn aus seinem Bett und legt Josef auf meinen Schoß. Lieber Josef, wir sind da. Alles gut. Deine Schwester ist auch da. Heute ist Silvester. Im neuen Jahr kommst du nach Hause. Klara macht ein Hörspiel an. Räuber Hotzenplotz. Wir hören zu und jeder ist für sich. Irgendwie.
Mir schwirren so viele Gedanken im Kopf. Wie soll es gehen zu Hause mit Josef? So wie jetzt geht es aber auch nicht. Josef hier in der Klinik und wir zu Hause. Ich habe Angst, es nicht zu schaffen. Angst davor, Josef durch Unachtsamkeit zu verlieren. Er muss regelmäßig abgesaugt werden. Kann ich das? Sehe ich, wenn er meine Hilfe braucht? Habe ich dann auch noch Kraft für Klara? Klara ist sechs Jahre. Sie braucht uns Eltern. Einatmen und Ausatmen. Jetzt sind wir hier bei Josef. Der Nachmittag ist ganz ruhig. Kein Besuch heute.
Am Abend verabschieden wir uns von Josef. Einen guten Rutsch ins neue Jahr, liebster Josef! Wir fahren zu unseren Freunden. Dort machen wir unseren Rechner an. Josefkino. Dabei bist du, Josef! Schön, das du dabei bist. Wir essen und reden. Ganz leise. Laut trauen wir uns noch nicht. Vor Mitternacht fahren wir nach Hause. Schnell den Rechner anmachen. Josef ist nicht zu sehen. Ein Zettel liegt in seinem Bett. Auf dem Zettel steht: Ich kuschel gerade mit der Schwester. Ich weine vor Rührung. Ein gutes neues Jahr, liebster Josef! Ein gutes neues Jahr, lieber Uli und liebe Klara!