Neujahr.

Wir leben nun im Jahr 2014. Nach dem Aufwachen rufe ich in der Klinik an. Gesundes neues Jahr, liebe Schwester. Josefs Mama hier. Wie war seine Nacht? Wie geht es ihm? Gut geht es ihm. Etwas mehr geschlafen hat er. Mitternacht war er auf dem Arm von der Nachtschwester. Ganz aufmerksam soll er gewesen sein. Das ist schön. Wir kommen.
Ich pumpe Milch ab. Uli und Klara sind schon wach. Wir frühstücken und fahren los. Es ist ruhig in der Stadt. Vereinzelt knallen noch Böller. Den Straßen sieht man die letzte Nacht deutlich an. Überall liegen die Reste von den Feuerwerken. Wir finden direkt vor der Klinik einen Parkplatz. Es ist mild heute. Ein milder Neujahrsmorgen. Durch die Notaufnahme gehen wir. Hier ist es auch ruhig. Erstaunlicherweise. Wir gehen die Treppe rauf. Zur Schleuse. Klingeln. Gehen den Gang runter und dann rechts. Wir schließen unsere Sachen ein. Desinfizieren unsere Hände. Ich stelle die Milch in den Kühlschrank. An den beiden Inkubatoren gehen wir vorbei in das Zimmer von Josef. Josef ist wach. Guten Morgen, lieber Josef.
Willkommen im neuen Jahr! Was das wohl bringen wird? Das neue Jahr? Uli nimmt Josef aus seinem Bett und legt ihn mir auf den Schoß. Klara macht das Hörspiel an. Räuber Hotzenplotz. Sie malt dabei an ihrem kleinen Tisch neben dem Bett von Josef. In Josefs Bett liegt ein kleiner Schokomarienkäfer. Auf Klaras Tischlein auch. Glücksbringer. Ich weine vor Rührung. Wir reden nicht viel. Sind nur da. Heute nur da sein.
Am Nachmittag wollen wir mit Josef spazieren. Das geht. Der Kinderwagen steht am Ausgang der Station bereit.
Die Schwestern überlassen uns nach und nach die Versorgung von Josef. Damit wir geübt sind für zu Hause. Wir dürfen Josef seine Milch durch die Nasensonde geben. Ganz langsam. Uns wird gezeigt, was wir beachten müssen. Zuerst müssen wir prüfen, ob die Nasensonde noch im Magen liegt. Das bedeutet: Mit der Ernährungsspritze ziehen wir ganz vorsichtig etwas Flüssigkeit aus seinem Magen. Manchmal ist auch keine mehr drin. Dann kommt nichts. Die Flüssigkeit geben wir auf ein Lakmuspapier. Dieses färbt sich dann idealerweise rot. Rot bedeutet Magensäure und die Nasensonde liegt richtig. Dann können wir ganz langsam Schluck für Schluck Milch durch die Sonde spritzen. Sondieren heißt das auch. Ganz vorsichtig. Auch müssen wir aufpassen, dass wir keine Luft in der Ernährungsspritze haben. Die Luft drückt Josef sonst im Magen und ist wahrscheinlich sehr unangenehm. Sobald wir mit der Gabe der Milch fertig sind, müssen wir die Sonde mit etwas Wasser oder Tee spülen. Oft brauchen wir fast eine Stunde pro Mahlzeit. Alle drei Stunden bekommt Josef seine Milch.
Nach dem Sondieren ziehen wir Josef heute an. Ganz vorsichtig legen wir ihn in den Kinderwagen. Ein Neujahrsspaziergang, lieber Josef! Wer hätte das gedacht?! Eine Stunde sind wir unterwegs. Immer sicherer werden wir. Mutiger. Auch. Wieder in der Klinik angekomme, ziehen wir Josef vorsichtig aus. Seine Wangen sind rot. Rot von der frischen Luft. So schön, Josef. Vorsichtig legen wir Josef in sein Bett. Sofort schläft er ein. Schlaf gut, lieber Josef, schlaf gut. Wir fahren nach Hause. Ganz in Ruhe in diesem neuen Jahr. Zu Hause machen wir den Rechner an. Josef schläft immer noch. Dann wird die Kamera zugedeckt. Wir wissen, nun werden die Windeln gemacht. Dann sehen wir ihn wieder. Schlaf gut, Josef.