, Zu Hause 2

Es klopft an der Tür. Es ist 0.10 Uhr. Ich muss mich orientieren. Bin gerade erst eingeschlafen. Ich stehe auf. Gehe zur Tür.

Die Schwester. Sagt. Josef hat sehr niedrige Sauerstoffsättigungswerte. Uli kommt. Wir gehen in Josefs Zimmer. Josef schläft. Sein Körpertonus ist ganz schlapp. Der Monitor piept. Die Sauerstoffsättigung ist bei 83.

Ich schalte den Monitor auf Pause. Damit das Piepen aufhört. Es ist ein metallisches lautes Piepen. Fordernd. Unangenehm. Ich drehe Josef auf den Bauch. Ganz vorsichtig. Versuche, ihn anders zu lagern. In der Hoffnung, dass die Sauerstoffsättigung besser wird.

Uli setzt den Sensor um. Keine Besserung. Inhalation. Absaugen. Langsam wird es besser. Die Sauerstoffsättigung steigt auf 93. Josef schläft. Tief und fest. Als wäre er schon gar nicht mehr da. Zeigt nicht, dass er merkt. Dass wir ihn berühren. Inhalieren. Absaugen. Als wäre er schon nicht mehr da, mein Josef. Ich küsse ihn. Spüre seine Wärme.

Wir bleiben noch. Eine kleine Weile. Um 1.00 Uhr gehen wir wieder ins Bett. Einatmen und Ausatmen. Schlafen. Irgendwann.

Um 7.00 Uhr klingelt der Wecker. Ich fühle mich noch gar nicht. Stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Einatmen und Ausatmen. Was war das? Was war es gestern? Welche Rolle spielt es, es zu wissen? Keine. Es spielt keine Rolle.

Josef hatte eine schlechte Sauerstoffsättigung. Wir konnten ihm helfen. Das war wichtig. Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Gehe auf den Balkon. Es ist bewölkt heute. Den Fuchs sehe ich nicht. Ich gehe in Josefs Zimmer.

Josef, mein Josef. Er ist wach. Die Schwester hält ihn im Arm. Ich nehme Josef. Küsse ihn. Frage. Nach der Nacht. Josef schlief bis 6.00 Uhr durch. Kein Fieber. Keine sichtbaren Krämpfe. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 93. Viel Sekret. Heute Morgen. Gut, sage ich. Gut. Die Schwester räumt. Spült. Wechselt. Zieht auf. Verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Josef in meinem Arm. Ich küsse ihn. Inhaliere. Sauge ab. Uli kommt. Sieht verschlafen aus. Müde. Klara schaut fern, sagt er. Wir setzen uns mit Josef ins Wohnzimmer. Sind still. Halten inne. Ich lege Josef über meine Knie. Helfe ihm mit meinen Händen beim Atmen. Ganz automatisch mache ich das. Ganz automatisch.

Ich weiß. Intuitiv, wie ich Josef halten und bewegen darf. Wie es gut für ihn ist. Weiß, wie ich mit seinen Köperspannungen umgehen soll. Ganz anders fühlt sich Josef an. Ganz anders als Klara. Damals. Ganz anders. Und doch ist es mir so vertraut, ihn zu halten. Ihn zu spüren. Einatmen und Ausatmen.

Uli bereitet das Frühstück vor. Holt Brötchen. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Heute hat er kaum Körperspannung. Dann ist es besonders schwierig, ihn umzuziehen. Ich muss besonders behutsam sein. Mit ihm. Ich küsse ihn.

Wir frühstücken zusammen. Klara im Schlafanzug. Sonntagsrätsel. Wir sind still heute. Still. Nach dem Frühstück gehen wir spazieren. Josef im Kinderwagen. Klara mit ihrem Skateboard. Ich schaue immer auf Josef. Mir ist es unheimlich, dass Josef heute so abwesend ist. Schlapp. Das Sekret fließt nicht mehr. Ich werde unruhig.

Josef schwebt. Schwebt anders heute. In einer anderen Welt. Es fühlt sich an, als wäre er nur noch einen Hauch bei uns. Ein kleiner Hauch. Und. Und dann? Bist du weg? Josef, bist du dann weg?

Wir laufen und laufen. Im Laufen begreifen. Hoffen. Am Nachmittag sind wir zu Hause. Inhalation. Absaugen.

Josef wird grau. Blau. Atmet nicht. Uli saugt ab. Inhalation. Er seufzt. Laut. Atmet. Ich halte Josef. Küsse ihn. Plötzlich ist seine Atmung ganz verändert. Temperatur 39,2.

Uli gibt ihm Medikamente. Über den Bauchschlauch. Tee. Dazu. Ich lege Josef über meine Knie. Wir funktionieren. Kommen mit den Gefühlen nicht hinterher. Klara. Klara schaut fern. Einen Film. Im Schlafzimmer.

Josef über meinen Knien. Das Sekret läuft wieder. Ich. Ich weiß nicht, wie ich mich fühle. Kann es nicht benennen. Funktioniere. Wir sind ruhig. Weil wir immer ruhig sind in Krisensituationen.

Josef, mein Josef. Uli nimmt ihn. Legt ihn auf seine Brust. Ich gehe zu Klara. Wir kuscheln. Abendbrot. Zusammen Kinderfernsehen. Josef, mein Josef. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 93. Temperatur 37,5.

Ich bringe Klara ins Bett. Lese ihr vor. Mache das Hörspiel an. Kuschel mich zu ihr. Möchte am liebsten bei ihr bleiben. Zusammen mit ihr einschlafen. Geht nicht.

Josef liegt auf Uli. Er schläft. Uli legt ihn in sein Bett. Herzfrequenz 110. Sauerstoffsättigung 91.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir gehen ins Bett. Schlafen.

Zuletzt aktualisiert am: 29.05.2021


Jetzt Spenden! Das Spendenformular wird von betterplace.org bereit gestellt.

❤️ Mehr darüber, wie du uns unterstützen kannst.