547 | Der Wecker klingelt um 7.00 Uhr.

, Zu Hause 2

Der Wecker klingelt um 7.00 Uhr. Ich bin wach. Schon lange. Schalte den Wecker aus. Klara liegt neben mir. Ganz eingekuschelt. Ihr Haare sind zerzaust. Sie atmet kaum hörbar. Ganz anders als Josef.

Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Wir dürfen nicht, denke ich. Wir dürfen nicht bitter werden. Nicht anklagend. Dürfen nicht zulassen, dass. Die Schwere uns dominiert. Das dürfen wir nicht. Einatmen und Ausatmen.

Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Gehe auf den Balkon. Es ist schön. Es riecht nach Erde. Dann sehe ich ihn. Den Schulhoffuchs. Freue mich.

Denke, guten Morgen, Herr Fuchs. Sie geben mir Recht, Herr Fuchs. Wir dürfen die Schwere nicht zulassen. Nicht ständig zulassen. Zu Besuch darf sie kommen. Aber. Nicht dauerhaft bleiben. Die Schwere. Einatmen und Ausatmen.

Ich gehe in Josefs Zimmer. Josef schlummert noch. Herzfrequenz 110. Sauerstoffsättigung 96. Ich frage die Schwester nach der Nacht. Josef schlief durch, sagt sie. Kein Fieber. Keine sichtbaren Krämpfe.

Der Po ist etwas wund. Wahrscheinlich von der Antibiose. Sie hat ihn eingecremt. Gut, sage ich. Gut. Die Schwester räumt. Spült. Wechselt aus. Zieht auf. Sie verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Uli kommt. Wir setzen uns zu Josef. Er schläft. Seine Atmung ist kaum zu hören. Wie er das nur macht, denke ich. Im Schlaf ist seine Atmung ganz ruhig. Sobald er wach wird, rauscht seine Atmung. Eine Meeresatmung. Josef, mein Josef. Wie machst du das?

Josef wird wach. Es fängt an. Zu rauschen. Uli schaltet den Monitor aus. Nimmt Josef aus seinem Bett. Ich bereite die Inhalation vor. Meeresluft. Für das Meeresrauschen. Für Josef ist es wichtig. Ihm am Morgen zu helfen beim Atmen. Mit der Inhalation. Das ganze festgesetzte Sekret flüssig zu bekommen. Zum Abfließen. Damit er besser atmen kann. Mein Josef.

Uli inhaliert Josef. Saugt ihn vorsichtig ab. Er macht es gut. Das Absaugen. Weiß ganz genau, wie er den Katheter in Josefs Nase einfädelt. Dann vorsichtig in kreisenden Bewegungen wieder hinauszieht. An das Geräusch der Absauge werde ich mich wohl nie gewöhnen. Das Zischen und Brummen. Es gehört zu Josef. Josef, mein Josef.

Klara kommt. Fragt, ob sie fernsehen darf. Ja, sage ich. Ja. Es ist doch Wochenende. Ich decke den Frühstückstisch. Uli geht Brötchen holen. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Küsse seinen Bauch. Seine Brust.

Sein Po ist wund. Ich lasse Luft an seinen Po. Creme ihn dann vorsichtig ein. Denke an die Tropfen für seinen Darm. Wir frühstücken. Josef bekommt seinen Brei durch den Bauchschlauch. Tee. Medikamente. Inhalation. Absaugen. Auf meinen Knien lagern. Damit das Sekret rauslaufen kann.

Am Nachmittag bekommen wir Besuch. Eine Freundin. Mit ihrer Tochter. Fast so alt wie Josef. Wir gehen spazieren. Josef in seinem Wagen. Mit der Absauge. Den Kathetern. Ihre Tochter. Sie läuft. Erkundet. Isst. Sie kann essen. Kaut. Schluckt.

Mir laufen Tränen. Nach innen. Möchte ihr meine Trauer nicht zeigen. Möchte nicht. Dass sie ein schlechtes Gewissen bekommt. Möchte nicht. Nicht sagen, schon gut. Möchte nicht. Ich bin froh. Wir sind draußen. Laufen. Da lässt es sich besser aushalten. Für mich. Dennoch ist es schön. Dass sie da ist. Uns besucht. Wir reden können. Auch Lachen.

Und doch bleibt ein Schmerz. Eine Traurigkeit. Gehört dazu. Zu uns. Sie darf nur nicht zu groß werden. Die Traurigkeit und der Schmerz. Darf uns nicht überfluten.

Zu Hause. Die Atmung von Josef verändert sich. Plötzlich. Inhalation. Absaugen. Herzfrequenz 160. Sauerstoffsättigung 92. Temperatur 38,9. Ich gebe Josef ein Schmerzmedikament. Lege ihn mir auf meine Brust. Wir atmen. Zusammen. Irgendwann wird es besser.

Uli ruft das SAPV-Team an. Besprechen. Was zu tun ist. Josef, mein Josef. Wir sind da. Zusammen essen wir Abendbrot. Brot. Schauen Kinderfernsehen. Uli bringt Klara in ihr Bett. Liest ihr vor. Macht das Hörspiel an. Josef liegt auf mir. Stunden liegen wir so. Josef und ich. Josef und Uli. Josef und Klara.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 108. Sauerstoffsättigung 93. Wir gehen ins Bett. Schlafen. Irgendwann.

Veröffentlicht am: 30.05.2019


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