Der Wecker klingelt um 6.00 Uhr.

Geburtstag heute. Klara hat Geburtstag. Sie wird 7 Jahre alt. Die Sonne scheint. Ein richtiges Geburtstagswetter. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe ins Wohnzimmer. Josef schläft in seinem Bett. Herzfrequenz 128. Sauerstoffsättigung 95.

Die Schwester inhaliert in gerade. Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Hänge Girlanden auf. Uli kommt zu mir. Zusammen pusten wir Luftballons auf. Ich stelle den Kuchen auf den Tisch. Selbstgebacken. Den hat sie sich gewünscht. Einen selbstgebackenen Kuchen. Einen Zitronenkuchen. Mit sieben Kerzen. Bunter Schrift.

Uli legt die Geschenke auf den Tisch. Viele Geschenke. Ich gehe ins Wohnzimmer. Frage die Schwester nach der Nacht. Gegen Mitternacht war Josef sehr unruhig, sagt sie. Die Herzfrequenz war zeitweise bei 150. Sie hat mit ihm gekuschelt. Dann schlief er wieder ein. Schön, dass das Kuscheln hilft, sage ich. Die restliche Nacht schlief Josef entspannt durch, sagt sie. Gut, sage ich. Das ist gut. Sie spült die Inhalette aus. Sie wünscht uns einen schönen Geburtstag. Verabschiedet sich.

Es ist schön, dass sie Josef gut kennt. Dennoch bin ich misstrauisch. Das Ausdrücken der Pickelchen am Kinn kann ich ihr nur schwer nachsehen. Klara kommt ganz verschlafen zu uns. Wir singen ihr ein Geburtstagslied. Josef schläft. Schlaf, mein Josef. Schlaf. Uli zündet die Kerzen auf dem Kuchen an.

Klara pustet sie wieder aus. Alle auf einmal. Das bringt Glück, sage ich ihr. Das bringt Glück. Wir machen es uns im Wohnzimmer bei Josef gemütlich. Ein Geburtstagspicknick vor seinem Bett. Dann wird er wach. Ich inhaliere ihn. Sauge Josef ab. Nehme ihn aus seinem Bett. Küsse ihn. Er krampft nicht beim Erwachen. Klara packt ihre Geschenke aus. Wie glücklich sie ist.

Heute fahren wir zusammen zur Apfelbaumwiese. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Damit die Nasensonde nicht rausrutscht. Uli packt die Absauge ein, Spritzen, Katheter, Brei, Windelzeug, Badezeug für Klara, eine Decke und viele, viele Kissen. Dann fahren wir los. Wir als Familie. Ich bin angespannt. Sitze mit Josef hinten. Die Absauge vor meinen Füßen. Klara sitzt vorn. Sie ist ganz stolz darauf.

Auf der Wiese. Wir werden herzlich empfangen. Dürfen uns auf große Kissen setzen. Ein Zelt steht dort. Auf der Wiese gibt es viele Sachen zu entdecken. Instrumente. An einem Baum hängt ein Trapez. Hängematten. Eine Rutsche. Apfelbäume. Dann ganz frisch gepflanzte Bäume. An den Bäumen sind Namen. Von verstorbenen Kindern. Es fühlt sich nicht bedrohlich an. Es ist schön. Irgendwie ist es schön. Hier.

Klara ist gleich verschwunden. Mit den anderen Kindern am Trapez. Die Zeit fühlt sich hier anders an. Als würde sie nicht so hetzen. Die Zeit. Wir haben mehr von dieser Zeit. Mehr Zeit zum Atmen. Josef liegt auf meinen Knien. Ich gebe ihm Tee. Eine Frau kommt zu uns. Sie strahlt Herzenswärme aus. Sie umhüllt uns mit ihrem Herz. Dann nimmt sie wieder Abstand. Genau bedacht auf unsere Grenzen. Das macht es mir möglich, offen zu sein. Hier zu sein. Im Hier und Jetzt.

Klara ist glücklich. Sie hat heute eines ihrer schicken Kleider an. Sie wird gefeiert. Am Nachmittag wird ein großer Kuchen gebracht. Ein Geburtstagskuchen. Für Klara. Es steht ganz groß Klara Helene auf dem Kuchen. Und eine Sieben. Sie verteilt den Kuchen. Ist stolz und etwas zurückgenommen zugleich. Dann wird ein Spiel für Klara gespielt. Klara hat es sich ausgedacht. Alle müssen sich Kissen auf den Rücken binden und wie eine Schildkröte über die Wiese laufen. Wer als erster am Ziel ist, hat gewonnen. Klara gewinnt. Weil Geburtstagskinder gewinnen.

Zum Abschluss gibt es ein Feuerwerk. Die Kinder springen auf Luftpolsterfolie. Wie das knallt! Josef in meinem Arm. Oder in Ulis Arm. Er krampft. Ab und zu. Geht sein Kopf nach vorn. Sein Rumpf auch. Dann hört es auf. Jemand sagt zu uns. Er merkt es nicht, der Josef. Das ist wie ein Zwicken für ihn. Woher weiß sie das, denke ich? Woher weiß sie, was Josef fühlt? Sie möchte ja nur trösten, denke ich. Ich lächele sie an. Zwicken.

Wir fahren nach Hause. Ich bin nicht mehr so angespannt. Josef schläft ein. Liegt im Maxicosi und schläft. Wäre da nicht die Nasensonde. Einatmen und Ausatmen. Klara ist glücklich. Glücklich und müde.

Zu Hause. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Wir essen Abendbrot. Eierkuchen. Klara hat doch Geburtstag. Ich gebe Josef seinen Abendbrei. Er schläft ein. In meinem Arm. Zusammen schauen wir Kinderfernsehen. Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 128. Sauerstoffsättigung 97. Alles gut, denke ich.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir gehen ins Bett. Es war ein schöner Tag, sage ich zu Uli. Josef ist der beste Bruder der Welt. Keine Krise am Geburtstag seiner Schwester, sagt Uli. Ja, keine Krise an Geburtstagen. Wir schlafen.