, Zu Hause 2

Um 6.00 Uhr bin ich wach. Klara hat heute Geburtstag. Josef lebt. Danke, lieber Josef. Danke. Ich stehe auf.

Gehe ins Bad. Wasche mich. Die Tür klappert. Ich warte im Bad. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Hänge Girlanden auf. Hole den Erdbeerkuchen aus dem Kühlschrank. Setze Geburtstagskerzen auf den Kuchen. Puste Luftballons auf. Verteile Konfetti. Luftschlangen. Decke den Geburtstagstisch.

Uli kommt. Hilft mir. Holt das Geschenk aus seinem Versteck. Ich gehe in Josefs Zimmer. Er schläft noch. Mein Josef schläft. Herzfrequenz 105. Sauerstoffsättigung 95. Die Schwester sitzt auf dem Sofa. Dokumentiert.

Ich frage nach der Nacht. Josef hatte oft Atemaussetzer. Sie dauerten zwischen 20-30 Sekunden an. Gegen Mitternacht hat sie ihm ein Schlafmedikament gegeben. Dann hörte es auf. Nach zwei Stunden ging es leider wieder los mit den Atemstillständen. Kein Fieber. Die Vitalwerte waren im Normbereich. Okay, sage ich. Okay.

Josef schläft. Schlaf, mein Josef. Schlaf. Die Schwester räumt. Spült. Wechselt die Spritzen aus. Und zieht die Medikamente auf. Verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke. Josef schläft.

Klara kommt. Wir singen ein Geburtstagslied. In Josefs Zimmer. Sie freut sich. Kuschelt sich an mich. Uli sagt, bleibt hier. Schließt die Tür. Josef wird wach. Ich schalte den Monitor aus. Nehme ihn aus seinem Bett. Lege Josef Klara in den Arm. Sie küsst ihn. Dann. Nehme ich ihn wieder.

Uli öffnet die Tür. Die Kerzen brennen auf dem Kuchen. Auch die Lebenskerze von Klara. Wir singen noch einmal. Dann pustet sie die Kerzen auf ihrem Kuchen aus. Josef in meinem Arm. Ich inhaliere Josef im Wohnzimmer. Uli saugt ihn ab.

Klara packt ihr großes Geschenk aus. Ein neues Fahrrad. Sie freut sich. Sehr. Dann die anderen Geschenke. Von den Großeltern. Patentanten. Freunden. Klara ist ganz aufgedreht. Aufgeregt. Glücklich. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Küsse ihn. Überall. Bin dankbar, dass er noch lebt. Für seine Schwester. Noch da ist an ihrem 8. Geburtstag.

Danke, mein Josef. Danke. Du bist ein großartiger Bruder. Wir frühstücken. Josef bekommt seinen Morgenbrei. Medikamente. Tee. Seine Atmung setzt immer wieder kurz aus. Fast habe ich mich daran gewöhnt.

Um 11.00 Uhr klingelt es. Die Schwester. Sie hat ein Geschenk mitgebracht. Für Klara. Vom ganzen Team. Klara freut sich. Ich bin gerührt. Josef, mein Josef. Uli ruft das SAPV-Team an. Schildert die Atemaussetzer. Sie kommen, sagt die Schwester. Sie kommen.

Um 13.00 Uhr klingelt es. Das SAPV-Team. Josef wird untersucht. Die Lunge ist frei. Die Herzfrequenzen sind hoch. Trotz Schmerzmedikamente. Es ist dann gerade so, sagt die Ärztin. Josef stirbt, sagt sie. Mein Herz. Ein Riesenschmerz. Es trifft mich gerade. Weil ich mir doch wünsche, dass er heute noch bei uns bleibt. Nur heute noch.

Bitte stirb nicht an Klaras Geburtstag. Bitte, Josef. Ich weiß, sage ich. Ich weiß. Wir haben so oft darüber gesprochen. Keiner weiß wann. Ja, sagt die Ärztin. Keiner weiß es. Einatmen und Ausatmen.

Es klingelt. Die Familienbegleitung. Klara hat sich gewünscht mit uns ins Kino zu gehen. Alle zusammen. Wir besprechen zusammen. Mit der Schwester und dem SAPV-Team, ob wir gehen können. Besprechen genau, was die Schwester tun soll, wenn Josef sterben sollte in der Zeit. Kein Notarzt.

Die Ärztin sagt, sie ist im Kinderhospiz. Gleich nebenan. Sie soll sie anrufen. Kein Notarzt. Gut, sagt die Schwester. Gut. Dann gehen wir. Zusammen los. Die Ärztin ins Kinderhospiz. Wir gehen ins Kino. Die Minions. Popcorn und Limo. Mein Telefon habe ich die ganze Zeit in der Hand. Kein Anruf.

Zu Hause. Josef schläft. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 96. Danke, Josef. Danke. Wir verabschieden die Schwester. Bedanken uns. Bei ihr. Es klingelt. Die Geschwisterkinder. Bringen Geschenke. Sie tanzen ausgelassen durch unsere Wohnung.

Uli bestellt Pizza. Ich inhaliere Josef. Sauge ihn ab. Küsse ihn. Immer wieder. Wir essen Pizza. Trinken Brause. Kindersekt. Josef bekommt seinen Abendbrei. Es ist schön, die Kinder um uns zu haben. Sie sind laut. Lachen. Klara ist glücklich. Das ist schön. Wunderschön. Ich bin dankbar. Dankbar und dankbar.

Josef schläft ein. Auf meiner Brust. Er hat kaum noch Atemaussetzer. Nur noch kurz. Ca. 10 Sekunden. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 95. Die Kinder verabschieden sich. Wir schauen mit Klara fern.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir erzählen. Lachen. Kennen sie aus dem Kinderhospiz. Eine andere Vertrautheit. Wir gehen ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 31.07.2019


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