640 | Es ist 6.20 Uhr. Ich bin wach

, Kinderhospiz

Es ist 6.20 Uhr. Ich bin wach. Schalte den Wecker aus. Die Katze liegt auf Ulis Sachen. Ich stehe auf. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Decke den Frühstückstisch.

Gehe auf den Balkon. Die ersten Kinder werden gebracht. In den Hort. Die Eltern eilen davon. Ich gehe ins Bad. Wasche mich. Klara kommt zu mir. Ich küsse sie. Auf ihren Kopf.

Sie ist aufgeregt. Heute geht die Schule wieder los. Sie kommt in die dritte Klasse. Die Klassen wurden neu aufgeteilt. Eine neue Lehrerin bekommt Klara auch. Wir setzen uns an den Frühstückstisch.

Uli kommt zu uns. Klara isst Cornflakes. Uli macht Brote für Klara. Packt es ihr in den Schulranzen. Klara geht los. Los in die Schule. Wir winken ihr. Bis wir sie nicht mehr sehen.

Dann gehen wir ins Kinderhospiz. Die Treppe rauf. Erster Stock. Das dritte Zimmer links. Josef ist wach. Er liegt im Arm der Schwester. Sie inhaliert ihn. Josef ist ganz schläfrig. Ich streichele über seine schönen Locken. Küsse ihn.

Frage die Schwester nach der Nacht. Die Nacht war ruhig. Wenige Sauerstoffsättigungsabfälle. Kein Fieber mehr. Wenige Krämpfe. Gut, sage ich. Gut. Ich nehme Josef. Halte ihn. Spüre. Nehme ihn in den Arm. Sein Kopf liegt auf meiner Schulter. Das ist schön. Ich küsse Josef.

Die Schwester lässt das Bad ein. Das Morgenbad. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Vielleicht geht es weiter, mein Josef. Weiter mit dem Leben. Was sagst du dazu? Mein Bär. Eine ruhige Nacht. Das kann doch viel bedeuten, oder? Die Medikamente. Vielleicht helfen sie. Vielleicht?

Wer weiß das schon? Ich halte mich fest. An deiner guten Nacht. An. Woran noch? Woran halte ich mich fest? In meinem Kopf. Ein Lied. Von Rio Reiser: Halt dich an deiner Liebe fest. Es dröhnt laut. Dann leise. Dann fliegt es weg. Das Lied. Aus meinem Kopf.

Uli lässt Josef in die Wanne gleiten. Josef, ach. Josef. Uli hebt ihn wieder aus der Wanne. Ich küsse Josef. Seine Hände. Füße. Seinen Bauch. Seine Brust. Seine Stirn. Seinen Mund. Den geheimen Leberfleck. Ich öle Josef ein. Ganz langsam. Bin bei ihm. Ziehe ihn an.

Dann gehen wir in den Gemeinschaftsraum. Die Gäste werden gebracht. Pfleger. Schwestern. Eltern. Ich halte Josef in meinem Arm. Gebe ihm seinen Morgenbrei. Tee. Medikamente. Küsse ihn. Immer wieder. Hole nach. Küsse vor. Küsse.

Therapeuten kommen. Vereinbaren Termine. Josef ist nach dem Mittag dran. Nach dem Frühstück gehen wir spazieren. Josef in seinem Rehabuggy. Meine Augen sind auf Josef gerichtet. Immer.

Wir laufen. Eine Gartenrunde. Heide. Park.

Wieder im Kinderhospiz. Die Physiotherapeutin kommt. Dreht und wendet Josef. Legt ihn in sein Bett. Hier ist es viel besser mit uns. Sind die Rollen klarer. Als zu Hause. Hier passt sie gut hin. Hier kann ich sie annehmen. Die Physiotherapeutin. Ihr nachsehen, wenn sie später kommt. Oder früher. Wenn sie kürzer bleibt oder länger.

Hier ist es in Ordnung. Für mich. Zu Hause ist es anders. Zu Hause bin ich strenger. Genauer. Unnachsichtiger. Einatmen und Ausatmen.

Uli holt uns einen Kaffee. Wir sitzen bei Josef. Trinken Kaffee. Erzählen. Planen die Zukunft. Wagen es zu planen. Sind mutig. Woher das wohl kommt? Der Mut? Immer wieder?

Die Hoffnung. Schleicht sich an. Macht sich breit. Bis wir erfüllt davon sind und planen. Es tut gut. Als bräuchten wir sie. Die Hoffnung. Als funktioniert das Leben ohne Hoffnung nicht. Ohne Planen. Ohne Mut.

Im Oktober wollen wir es wagen. Nach Leipzig fahren. Ins Kinderhospiz. Vorher schauen wir es uns an. Uli telefoniert. Vereinbart einen Besichtigungstermin. Im Kinderhospiz. Ende September. Da werden wie in Leipzig sein. Zum Geburtstag seiner Eltern.

Josef schläft. Und schläft. Er wird wach. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich halte Josef. Gebe ihm seinen Brei. Tee. Medikamente.

Dann gehen wir los. Nach Hause. Mit Josef. Uli holt Klara vom Hort. Es gibt Kakao und Kekse. Klara erzählt von der Schule. Sie sitzt neben ihrer Freundin. Das ist schön. Einen Stundenplan hat sie noch nicht.

Josef liegt auf dem Lagerungskissen. Im Schwebezustand. Mit vielen Medikamenten in seinem Körper. Medikamenten. Gegen die Krämpfe. Gegen die Atemnot. Gegen die Schmerzen. Gegen.

Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich decke den Abendbrottisch. Brot. Wir essen zusammen. Josef bekommt Brei. Tee. Medikamente. Ich küsse ihn. Er ist bei uns. Es ist ruhig in unserer Wohnung. Die Türen stehen offen. Wir schauen Kinderfernsehen. Uli bringt Klara in ihr Bett. Sie liest.

Wir bringen Josef ins Kinderhospiz. Legen ihn in sein Bett. Küsse. Geben der Schwester Bescheid.

Nach Hause. Das Hörspiel läuft. Klara schläft. Ich mache das Licht aus. Uli und ich. Wir setzen uns auf den Balkon. Reden leise. Gehen ins Bett. Schlaf.

Veröffentlicht am: 31.08.2019


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