Es ist heller heute. Januar.

Ich rufe gleich in der Klinik an. Guten Morgen. Die Mama von Josef. Wie geht es ihm? Wie war seine Nacht? Josef hat gut schlafen. Er hatte längere Schlafphasen. Alles unverändert sonst. Gut. Ich komme. Allein komme ich heute. Gegen Mittag bin ich da. Ich pumpe Milch ab. Wir frühstücken. Uli bleibt heute mit Klara zu Hause. Klara möchte einfach mal zu Hause sein. Ich kann es verstehen. Zu Hause sein zu wollen. Josef kommt auch bald nach Hause, liebe Klara. Dann müssen wir nicht mehr fahren und die Tage sind nicht so zerissen. Wir sind nicht so zerissen. Vielleicht.
Ich fahre allein. Laufe zum Zug. Atme tief ein und aus. Der helle Januartag tut gut. In der Klinik ist es ruhig. Es ist Samstag heute. Ich gehe durch die Notaufnahme. Die Treppe rauf. Den Gang entlang. Ich klingle. Gehe durch die Schleuse. Den Gang runter. Dann rechts. Schließe meine Sachen ein. Desinfiziere meine Hände. Stelle meine Milch in den Kühlschrank. Gehe an den beiden Inkubatoren vorbei in Josefs Zimmer. Lag da jetzt ein anderes Kind in dem ersten Inkubator? Nur aus dem Augenwinckel nehme ich wahr, das etwas anders ist. Sonst hatte ich keine Zeit für Augenwinkelblicke. Ich frage die Schwester nach dem Kind. Es sei verlegt worden. Nein, es ist nicht gestorben. Ich bin erleichtert.
Mein Josef ist wach. Ich bin da, Josef. Deine Mama. Heute sind nur wie beide zusammen. Ich küsse ihn und warte darauf, das meine Hände warm werden. Dann gibt ihn mir die Schwester aus seinem Bett und legt ihn mir auf meinem Schoß. Ob ich Josef sondieren möchte, fragt sie. Ja. Klar. Das mache ich gern. Die Seelsorgerin schaut in Josefs Zimmer. Oh, schön, sie zu sehen. Sie setzt sich zu uns. Auf Augenhöhe. Auf Gefühlshöhe. So durcheinander bin ich, sage ich. Josef darf nach Hause. So schwer krank. Schaffen wir es? Ich freue mich, dass er nach Hause kann. Und dann sind da die Ängste. Was ist, wenn ich nicht gut reagieren kann, wenn etwas ist? Ich habe Angst davor. Zu versagen. Wichtig ist es darüber zu sprechen. Am besten mit der Palliativärztin. Darüber sprechen. Über die Ängst. Gut. Danke. Mir laufen die Tränen. Josef, mein Josef, nicht falsch verstehen. Ich freue mich, das du bei uns bist. Wir freuen uns! Bald kommst du nach Hause! Josef schläft auf meinem Schoß ein. Ganz vorsichtig lege ich ihn in sein Bett. Sitze bei ihm. Schaue Josef an. Ich fühle mich leer und voll. Schlaf gut, Josef. Ich fahre nach Hause. Schlaf gut, mein Bär.
Es ist schon dunkel als ich gehe. Durch den Januar zum Zug. Nachher werde ich nochmal in der Klinik anrufen. Zu Hause ist es ruhig. Klara hört ganz vertieft ein Hörspiel. Uli hat Möbel gerückt. Überlegt, wie wir Platz schaffen können. Für Josef und die Pflege. Seine Energie tut mir gut. Der Rechner ist schon an. Josefkino. Ich rufe nochmal in der Klinik an. Hier die Mama von Josef. Küssen sie ihn von mir. Eine gute Nacht wünsche ich. Dann pumpe ich Milch ab.