432 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

, Zu Hause 1

Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker. Klara schläft. Sie fühlt sich gut an. So ein Glück, denke ich. So ein Glück. Kein Fieber mehr. Sie ist gesund. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Ich höre Josef. er ist wach. Die Schwester spricht mit ihm. Das ist schön. Ich wasche mich.

Gehe ins Wohnzimmer. Josef liegt in ihrem Arm. Sie inhaliert ihn gerade. Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Uli kommt. Umarmt mich. Sagt, wir schaffen das. Anne wir schaffen das. Es wird gut. Einatmen und Ausatmen.

Ja, sage ich. Ja. Wir schaffen das. Was schaffen wir, denke ich. Was? Das Leben? Schaffen wir das? Das Leben so zu leben? Mit so wenig Raum? So wenig Spielraum? So wenig Gestaltungsraum? So vielen Abhängigkeiten? Schaffen wir das? Ja, denke ich. Wir schaffen das. Einatmen und Ausatmen.

Ich gehe ins Wohnzimmer. Josef liegt im Arm der Schwester. Ich frage sie nach der Nacht. Josef schlief gut durch. Vitalwerte waren in der Norm. Kein Fieber. Keine Krämpfe. Ich nehme Josef. Die Schwester spült die Inhalette aus. Verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Klara steht auf. Setzt sich zu uns. Möchte ihren Bruder halten. Ich lege ihr Josef in den Arm. Kuschele sie beide ein. Auf dem kleinen Sofa. Dann soll ich ihn wieder nehmen. Ihren Bruder. Er ist ihr zu schwer. Der Josef. Ist so schwer geworden. Ich lächele. Küsse. Beide.

Klara zieht sich an. Wir setzen uns in die Küche. Klara isst ihre Conrflakes. Uli nimmt seinen Josef. Hält ihn. Zieht ihn um. Ich bringe Klara in den Hort. Trage den Kuchen. Süßigkeiten. Kleine Geschenke. Klara hat sich schick gemacht. Ein Kleid angezogen. Sie ist aufgeregt. Hüpft und springt. Ich komme kaum hinterher.

Im Hort. Ich gebe alles der Hortnerin. Klara ist gleich verschwunden. Dann gehe ich nach Hause. Bin ganz allein. Gehe hinten entlang. An der Koppel. Dort sind selten Menschen unterwegs. Ich genieße es, nur für mich zu sein. Lasse die Luft in meine Lunge strömen.

Nächste Woche wohnen wir nicht mehr hier, denke ich. Gehen nicht mehr diesen Weg entlang. Es fühlt sich unwirklich an. Unwirklich.

Zu Hause. Die Schwester ist schon da. Josef ist wach. Sie hält ihn im Arm. Unseren Josef. Uli und ich packen. Packen. Räumen. Hin und her. Um 12.00 Uhr klingelt es. Das SAPV-Team. Der Arzt untersucht Josef. Horcht ihn ab. Keine Infektanzeichen, sagt er. Gut, sage ich. Gut.

Sie bleiben. Eine Weile. Wir sprechen über den Umzug. Über die Veränderung. Über Josef. Dann verabschieden sie sich.

Um 13.00 Uhr klingelt es. Die liebe Physiotherapeutin. Josef ist wach. Als hätte er auf sie gewartet. Ich ziehe Josef vorsichtig aus. Dann bewegt sie Josef durch. Jedes Gelenk wird bewegt. Sie tastet nach dem Sekret. Die Lunge ist frei, sagt sie. Ich küsse Josef immer wieder. Wir verabschieden uns. Ich umarme sie. Sage, sie kommen uns doch besuchen? Ja, sagt sie. Ja. Ich werde sie besuchen kommen.

Josef ist eingeschlafen. Herzfrequenz 123. Sauerstoffsättigung 93. Die Schwester hat Josef eingekuschelt. Sitzt auf dem Sofa. Uli geht los. Klara vom Hort abholen. Ich bleibe. Die Schwester möchte nicht allein sein. Mit Josef. Er macht ihr Angst. Unser Josef. Sie hat Angst, etwas falsch zu machen. Sagt sie.

Ich bin ja da, sage ich. Bin ja da. Klara und Uli kommen. Ich mache Kaffee und Kakao. Klara zeigt ihre Geschenke. Sie hat ein großes Foto bekommen. Mit ihren Freundinnen. Sie ist ganz aufgeregt und glücklich. Josef, mein Josef schläft. Wir verabschieden die Schwester.

Josef wird wach. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Nimmt ihn aus seinem Bett. Ich lege Josef über meine Knie. Helfe ihm beim Atmen. Klara hört Hörspiel in ihrem Zimmer. Braucht Ruhe, sagt sie.

Uli bereitet das Abendbrot vor. Wir essen zusammen. Josef bekommt seinen Abendbrei. Wir schauen Kinderfernsehen. Im Bett. Zusammen. Josef, mein Josef. Liegt auf meiner Brust. Ich bin mit meinen Gedanken nicht da. Bin schon in der nächsten Woche. Beim Umzug. Der Moment löst sich auf. Das Hier und Jetzt. Es fällt mir schwer, mich zu verankern.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege den schlafenden Josef in sein Bett. Herzfrequenz 108. Sauerstoffsättigung 97. Wir gehen wieder ins Bett. Schlafen. Irgendwann.

Veröffentlicht am: 04.02.2019


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