Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Ich bin wach. Fühle mich erholt. Ausgeschlafen. Wie gut es tut. Das Schlafen. Nicht in Habachtstellung sein zu müssen. Ich spüre mehr Energie in mir. Ein klein wenig mehr.

Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Dusche mich. Ich packe meine Sachen. Schleiche mich. Davon.

Aus dem Gemeinschaftsraum hole ich mir einen Kaffee. Gehe den Gang entlang. Dann links. Zu Josef. Er schläft. Das Fenster steht auf. Er ist ganz eingekuschelt. Ich streichele seine kleine Hand. Sie zittert leicht. Seine kleine schöne Hand.

Die Schwester kommt zu uns. Sagt, du schon wieder? Wir lachen. Beide. Leise. Ich sage, heute habe ich noch einmal ein Seminar. Ach so, sagt sie. Die Nacht war sehr entspannt. Keine Auffälligkeiten. Der kleine Josef hat sicher süße Träume.

Es tut mir gut. Dass sie so liebevoll von ihm spricht. Ich fühle mich sicher. Hier. Hier sind wir sicher. Eine kleine Weile sind wir noch so zusammen. Ich halte Josefs kleine Hand. Küsse ihn. Lasse ihn schlafen. Mit offenem Fenster.

Dann gehe ich los. Nicht so eilig. Wie gestern. Nicht gehetzt. Mit der Straßenbahn fahre ich zum Bahnhof. Kaufe mir ein Brötchen und einen Kaffee.

Im Zug treffe ich Kolleginnen. Wir erzählen ein wenig. Über das Seminar von gestern. Über das, was uns erwartet. Dann fragen sie mich. Wie es mir geht. Ich erzähle vom Kinderhospiz. Sie hören zu. Fragen nach. Es tut mir gut. Darüber zu sprechen. Mich zu zeigen. Gefragt zu werden. An diesem Morgen. In diesem Zug. Von diesen Menschen.

Im Seminar. Ein Platz wurde für mich freigehalten. Ein Platz. Für mich. Hier gehöre ich wohl auch hin. Heute bin ich konzentrierter. Wacher. Neugierig. Heute habe ich Platz in mir. Für das Thema. Für andere Themen. Das tut gut.

In der Pause rufe ich Uli an. Es geht ihnen gut. Josef hatte Probleme mit dem Sekret. Er hat auch etwas gekrampft. Jetzt schläft er. Der Josef. Liegt im Arm der Schwester und schläft. Gut, sage ich. Gut.

Und Klara, frage ich. Klara ist im Schwimmbad mit den anderen Kindern. Ihr geht es sehr gut. Sie möchte gar nicht nach Hause. Oh, das kann ich mir denken, sage ich. Und dir, frage ich. Wie geht es dir? Okay, sagt Uli. Okay.

Soll ich kommen, frage ich. Nein, sagt Uli. Wir sehen uns heute Abend. Gut, sage ich. Gut. Wann habe ich das letzte Mal nach Klara gefragt? Wann nach Uli? Wann hatte ich Platz dafür? Wann? Und wo? Wir müssen ja alle funktionieren. Für Josef und uns.

Der Nachmittag verfliegt. Ist nicht so schwerfällig und zäh wie gestern. Dann laufe ich zum Zug. Nehme die Menschen ein wenig wahr. Bin heute offener. Beweglicher.

Im Kinderhospiz. Ich finde Uli, Klara und Josef im Gemeinschaftsraum. Beim Abendessen.

Die anderen Gäste sind schon fertig mit dem Abendessen. Sie werden für die Nacht umgezogen. Gewaschen. Inhaliert. Abgesaugt. In die Betten gelegt. In manchen Zimmern wird ein Hörspiel angemacht. Aus einem Zimmer höre ich klassische Musik.

Josef liegt im Arm von Uli. Seine Augen fallen zu. Ich nehme ihn. Küsse meinen Josef. Wir gehen in Josefs Zimmer. Essen mag ich gerade nicht. Später. Vielleicht.

Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich ziehe Josef für die Nacht um. Lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 110. Sauerstoffsättigung 99.

Klara ist im Elternschlafzimmer. Sie schaut Kinderfernsehen. Die Geschwisterkinder sind nach Hause gefahren. Morgen ist ja Schule. Uli sagt dem Pfleger Bescheid.

Dann gehen wir noch einmal in den Gemeinschaftsraum. Ich esse mein Brot. Trinke Tee. Es ist dunkel draußen. Im Kinderhospiz wird es langsam ruhig. Wir gehen ins Elternzimmer. Ich kuschele mit Klara. Sie möchte morgen nicht in die Schule. Möchte hierbleiben. Im Kinderhospiz. Ich weiß, sage ich. Ich weiß.

Uli liest uns vor. Macht das Hörspiel an. Klara schläft ein.

Dann gehen wir noch einmal in den Gemeinschaftsraum. Sprechen über die nächste Woche. Planen. Wenigstens erst einmal die nächste Woche. Planen. Wenn wir schon nicht den nächsten Monat planen können. Dann doch wenigstens die nächste Woche.

Wir gehen noch einmal zu Josef. Er schläft. Ich küsse ihn. Ganz sanft. Ich lege ihm ein Hemd von mir in sein Bett. Bleibe eine Weile bei ihm. Herzfrequenz 109. Sauerstoffsättigung 98.

Im Elternzimmer schauen wir leise fern. Ich schlafe ein. Irgendwann. Schlafe ich ein.